Ein Stückchen Heimat

Bei Studierenden aus dem Ausland stellt sich schon mal die Sehnsucht nach der eigenen Sprache und Kultur ein. Eine Möglichkeit, sich ein Stückchen Heimat in der Fremde zu bewahren ist der Kontakt zu nationalen Studierendenvereinen.

Wo gibt es ein richtig schönes Vappu-Fest? In welchem Lokal kann man Syrtaki tanzen und wo kann man in Wien ein ganzes Osterlamm grillen? Welche Musik ist in Luxemburg gerade richtig angesagt? Fragen, die durchschnittliche österreichische StudentInnen weniger beschäftigen, können für KollegInnen aus dem Ausland durchaus bedeutsam sein. Denn von den ca. 260 000 StudentInnen in ö–sterreich kommen etwa 50 000 aus dem Ausland, 90% davon aus Europa. Einige hundert Kilometer von Zuhause entfernt stellt sich mitunter schon Heimweh ein. Dem können nationale Studierendenvereine, die auch in der „Fremde“ eine Plattform für Kultur und Sprache des Heimatlandes bieten, abhelfen.

Ein Beispiel für solch einen Verein ist SEFEV (Verein griechischer Studenten und Akademiker Wiens). Als in Griechenland 1967 das Militär die Macht ergriff änderte sich dort auch für junge Menschen viel: Wer politisch nicht opportun war, wurde vom Zugang zu Universitäten ausgeschlossen oder gar verfolgt. Deshalb gingen Anfang der 1970er Jahre viele junge GriechInnen ins Ausland, um studieren zu können. Damals war Wien eines der beliebtesten Studienziele und es bildete sich eine lebhafte griechische Community. 1969 wurde schließlich der Verein SEFEV gegründet, um Studierenden und AkademikerInnen eine Plattform zum Austausch zu bieten – aber auch um die oft als großen Verlust empfundene Distanz zur Heimat zu überbrücken.

Vielfalt kennzeichnet die Vereinslandschaft für internationale Studierende heute. Zu den ältesten Vereinen zählt neben SEFEV der 1975 von Luxemburgischen Studierenden gegründete „Letzebuerger Studentenclub Wien“ und der 1978 gegründete finnische Verein WIESO. Auch in Linz, Graz und Innsbruck gibt es ähnliche Vereine. Der Austausch von Studierenden gleicher Herkunft findet auch über Mailinglisten statt, oder in Einrichtungen wie dem Afro-Asiatischen-Institut Wien.

Die Aktivitäten der Vereine sind äußerst vielfältig. Wie Niki Papadopoulou von SEFEV sagt, versucht ihr Verein „ein Netzwerk für Griechen zu bilden, die nach ö–sterreich kommen um zu studieren“. Geboten wird den Mitgliedern von Tipps zum Studium, über ein schwarzes Brett und Fahrgemeinschaften bis hin zu Partys und landesüblichen Festen so einiges. Serge Reuter vom Letzebuerger Studentenclub erklärt: „Viele Aktivitäten sind traditionell und werden jedes Jahr um etwa die gleiche Zeit organisiert, zum Beispiel die Studententaufe der Erstsemestrigen oder im Mai unser Sau-Fest auf der Donauinsel bei dem wir einen Grillplatz mieten und den ganzen Tag zusammen dort verbringen. Dazwischen gibt es dann immer wieder kleinere Aktivitäten.“ Die Vereine bieten auch Infos, die von anderen Vereinen oder den offiziellen Vertretungen der Heimatländer bereit gestellt werden.

Die Motivation sich mit KollegInnen aus der Heimat zu treffen hat nichts mit plumpem Nationalismus zu tun. Wie Serge betont, finden es viele StudentInnen „trotz der gewollten oder ungewollten Distanz zum Leben in Luxemburg, es in gewissen Sinne schön, ein Stück Heimat, und sei es nur, dass jemand mit ihnen Luxemburgisch sprechen kann, bei sich zu haben und sich dann trotz allem nicht so verloren zu fühlen.“ Niki, die binational aufgewachsen ist, beschreibt: „Für mein inneres Gleichgewicht meiner beiden Identitäten ist es wichtig, dass die österreichische Seite nicht überdimensional wird. Mit meiner Vereinstätigkeit kann ich meine griechische Identität ausleben und schauen, dass ich die griechische Sprache wenigstens ein bißchen pflege.“ Natürlich gibt es auch KollegInnen, die nicht das Bedürfnis haben sich im Ausland intensiver mit ihrer Heimat zu beschäftigen. Da reichen dann einfach Email und ein paar Freunde, mit denen man sich trifft. Denn letztlich kann man sich, wie Serge betont “ dann doch nie komplett von der Heimat lösen.“

Timon Jakli studiert Germanistik in Wien

Weblinks:
http://www.sefev.at
http://www.lsw.lu
http://www.finland.at/
http://www.aai-wien.at

Veröffentlicht in PROGRESS 2/08, S. 11

Timon
Timon
Spracharbeiter. Kommunikator. Sprecher. Trainer. Historiker. Leidenschaftlicher Koch. Foodie.

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