Mit Blaulicht und Folgetonhorn

Das semantische Feld für Hilfeleistung und Rettungsdienst ist stark besetzt: Das Rote Kreuz ist für jedes Kind ein Begriff. Vor 125 Jahren, nämlich 1880 wurde die österreichische Rot-Kreuz-Gesellschaft gegründet. Ein Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Timon Jakli

Zum 125jährigen Bestehen des österreichischen Roten Kreuzes (ö–RK) wird eine Erfolgsgeschichte erzählt[i], getragen von vielen HelferInnen in der Tradition Henri Dunants. Konstruiert wird diese Erzählung entlang der sieben Grundsätze „Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit, Universalität“. Diese werden im Folgenden kritisch beleuchtet.

Immer neutral ?

Auch wenn sich das ö–RK daran nicht erinnern will, war es um seine Grundsätze nicht immer gut bestellt. So bezog das Rote Kreuz im Bürgerkrieg von 1934 klar Stellung auf katholisch-konservativer Seite. Die verwundeten und kämpfenden Arbeiter, Opfer des Kampfes gegen den Austrofaschismus, wurden blutend in den Schlachtruinen liegen gelassen. Für sie formierte sich auf sozialistischer Seite der Arbeiter Samariter Bund.[ii]

Auch international erscheint die Neutralität brüchig: Der in Israel seit 1930 tätigen Hilfsgesellschaft Magen David Adom (MDA) verweigert die Internationale Rote Kreuz Gesellschaft (IKRK) die Aufnahme. Die absurde Begründung dafür lautet, es würden keine Schutzzeichen mit nationalem oder religiösem Bezug anerkannt. Im Gegensatz zu den Zeichen arabischer Ländern wird das Schutzzeichen des MDA (der rote Davidsstern) vom IKRK nicht akzeptiert. Ausnahmen für Rote-Halbmond-Gesellschaften wurden jedoch sehr wohl gemacht.

Die Sache mit der Unabhängigkeit…

Von der Tagespolitik ist das ö–RK lange nicht so unabhängig, wie es vorgibt. In der Besetzung der Vereinsstruktur dominiert klar die ö–VP, was bei Präsident Fredy Mayer (20 Jahre ö–VP LAbg. in Vorarlberg) beginnt und sich durch die neun Landesverbände zieht.

Unter der schwarz-blauen Bundesregierung wurde Mayer als Präsident der Zivildienstreformkommission eingesetzt und einer Gesellschaft des ö–RK wurde die Zuteilung und Verwaltung von Zivildienstleistenden übertragen. Letzteres wurde vom Vfgh als unrecht befunden, da hier eine staatliche Kernkompetenz in abhängige, privatwirtschaftliche Hand delegiert wurde.

Zuletzt positionierte sich das Rote Kreuz durch die Verleihung des „Humanitätspreises der Heinrich Treichl Stiftung“ an Hans Dichand politisch eindeutig im konservativen Lager.

Und dann waren da noch die Zivis…

Nicht nur, dass das ö–RK durch die Ausbeutung der Zivildiener Geld verdient, erwies sich das Rote Kreuz als vehementester Gegner einer Zivildienstverkürzung und legte mit einer Forderung nach einem verpflichtenden Sozialdienst auch für Frauen nach. Die finanzielle und arbeitsrechtliche Ausbeutung der Zivildiener stellt dem Roten Kreuz und seinem Diktum von Freiwilligkeit kein gutes Zeugnis aus.

öœber dies sollte jedoch nicht die Leistung der vielen haupt-, ehrenamtlichen und zivildienstleistenden Mitarbeiter des Roten Kreuzes vergessen werden, die trotz der widrigen strukturellen Gegebenheiten im konkreten Einsatz und auf der „untersten“ Ebene der Organisation oft großartiges Leisten.

[i] Zum Beispiel unter: http://125.roteskreuz.at

[ii] Speziell dieses Feld stellt ein Forschungsdesiderat dar. Siehe dazu PEBALL, Kurt: Die Kämpfe in Wien im Februar 1934. Wien, 1978. Zur problematischen Rolle des Roten Kreuz im 2. Weltkrieg vgl. BIEGE, Bernd: Helfer unter Hitler. Das Rote Kreuz im Dritten Reich. München, 2000.

Text: Copyright 2005 von Timon Jakli
Veröffentlicht in UNIQUE 06/05

Timon
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Spracharbeiter. Kommunikator. Sprecher. Trainer. Historiker. Leidenschaftlicher Koch. Foodie.

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