Die hypertextuelle Revolution

Vom Versuch der Französischen Revolution von allen Seiten beizukommen

Was gemeinhin unter Vorlesung verstanden wird, weckt ja meist recht staubige Assoziationen mit fieberhaften Mitschriftversuchen und Stunden passiven Zuhörens. Einen anderen Weg versuchte Wolfgang Schmale, Professor am Institut für Geschichte an der Universität Wien, im WS 2003/04 zu gehen.

Ziel des Projektes ist nicht nur, einen öœberblick über die Französische Revolution zu geben, sondern auch auf rechts- und kulturgeschichtliche Aspekte (Verfassungsgeschichte, Genderperspektiven, Politische Kultur, Nachwirkungen im 19. und 20. Jahrhundert) einzugehen und so ein möglichst breites Panorama zu geben.

Im Zuge der Vorlesung entstand eine Website (http://vorlesung.univie.ac.at), auf der die Teilnehmer den Stoff der Lehrveranstaltung gemeinsam mit ihm erarbeiten sollten. Klingt kompliziert, ist es aber nicht: Die Website ist als Datenbank aufgebaut, bei der es öœberblicksartikel zu den einzelnen Phasen der Revolution gibt, von denen vertiefende Artikel zu einzelnen Stichworten abrufbar sind (konkret zu Biographien, Quellen und Ereignissen), die von den StudentInnen verfasst wurden. Darüber hinaus sind zahlreiche Bildquellen und Tabellen zum weiteren Studium abrufbar.

Die Website ist sehr übersichtlich gestaltet, BenutzerInnen erkennen schnell die Logik des Aufbaus, die Menüs sind hierarchisch gut gestaltet und die Darstellung erfolgt übersichtlich. So werden die öœberblicksartikel in einem großen Frame und die vom Benutzer aufrufbaren Vertiefungen in einer Art Fußnotenfenster angezeigt. Einzig bei längeren Artikeln, insbesondere auch bei größeren Bildquellen, und bei Bildschirmen mit niedrigen Auflösungen kommt es zu Problemen bei der Anzeige, da nicht mehr alles auf dem Bildschirm dargestellt werden kann und gescrollt werden muss. Die Datenbank ist auch mit einer Suchfunktion ausgestattet, die das Auffinden von Stichwörtern im Text ermöglicht.

Was die wissenschaftliche Qualität der Beiträge anlangt, ist diese aufgrund der großen Zahl an Autoren sehr heterogen. Speziell in Bezug auf Zitation und Quellenangaben sind große Unterschiede zu bemerken, nicht immer ist die Herkunft der Gedankengänge klar ausgewiesen. Da alle Beiträge reviewed wurden, ist zumindest von der faktischen Korrektheit der Angaben auszugehen, die Tiefe der Abhandlung ist von den jeweiligen AutorInnen abhängig. Immer ist jedoch ein öœberblick über das Stichwort und aufgrund der durchgängig angegeben Literaturverweise auch die Möglichkeit zur eigenen Vertiefung gegeben.

Die Website stellt somit an die BenutzerInnen die Herausforderung nach eigenem Interessensstand und Wissen die knappen Einführungstexte – die meist aus einschlägigen Werken zitiert sind – zu erweitern und vertiefen.

Empfindlich macht sich das Fehlen einer Gesamtbibliogaphie bemerkbar, BenutzerInnen müssen sich Literaturangaben aus den einzelnen Beiträgen zusammensuchen. Ein thematisch geordnetes Verzeichnis hätte mehr Transparenz und BenutzerInnenfreundlichkeit gebracht.

In der Tat bietet das Projekt einen guten und reichhaltigen öœberblick über die Geschehnisse der Französischen Revolution. Der Versuch, der Revolution von möglichst vielen Seiten und Perspektiven beizukommen scheint tatsächlich geglückt, die Vielzahl der vertiefenden Artikel und einbezogenen Quellen liefert ein sehr heterogenes und differenziertes Bild der Ereignisse, das zum selbsttätigen Vertiefen in die Materie einlädt.

Timon
Timon
Spracharbeiter. Kommunikator. Sprecher. Trainer. Historiker. Leidenschaftlicher Koch. Foodie.

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