In die Hölle und zurück

Die Literaturgeschichte ist nicht gerade arm an Reiseberichten, auch Fahrten in die Hölle (und manchmal wieder zurück) finden sich zur Genüge. Der Titel In der Hölle. Blicke in der Abgrund der Welt. verspricht also viel. Dahinter verbirgt sich eine Höllenfahrt der anderen Art, geschrieben von Denis Johnson, einem weit gereisten Exjunkie, der als Sohn eines amerikanischen Offiziers in der Welt herumkam. Darauf folgte ein zurückgezogenes Leben irgendwo in Idaho. Eben jener Denis Johnson gilt – hierzulande eher unbekannt – als einer der wichtigsten amerikanischen Gegenwartsautoren, als wahrer Meister der Kurzprosa und der literarischen Reportage.

In der Hölle erzählt von Johnsons Reisen im Auftrag des „New Yorker“ in die von Bürgerkrieg zerrissenen afrikanischen Länder Liberia und Somalia. Wer sich dabei eine Analyse der Hintergründe dieser Konflikte erwartet, wird enttäuscht werden. Wie der Titel bereits anklingen lässt, geht es um eine Reise in einen Abgrund. Im englischen heißt der Band schlicht Seek, ein Suchen und Ausloten von Grenzbereichen an den Rändern der Gesellschaft. Daraus entstehen unglaublich spannende und von einer surrealen Apokalyptik gezeichnete Reportagen, die in existentiellen Extremsituationen einen kurzen Blick auf die bizarre Realität des Menschen geben. (tj)

Denis Johnson: In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt. Tropen Verlag, Berlin 2006.

Veröffentlicht in PROGRESS 2/07, S. 29

Studieren im Land der PhilosophInnen

In der Heimat von Platon und Aristoteles sei die Wissenschaft besonders gern zu Hause – würde man meinen. Doch nicht alle GriechInnen sind PhilosophInnen, nicht jeder Tanz ein Syrtaki und Studieren in Griechenland heißt nicht zuletzt mit einer Menge Problemen fertig werden.

Studieren im Land der PhilosophInnen

Beim Schlagwort Griechenland kommen den meisten wahrscheinlich Tavernen mit blauen Stühlen, Syrtaki und Sonne in den Sinn, nicht jedoch dass das Nationaleinkommen das zweitniedrigste der „alten“ EU-Länder ist, die Arbeitslosenquote bei 10% liegt. Die Verfassung schreibt vor, dass Bildung kostenlos ist – weshalb es in Griechenland weder Studiengebühren gibt, noch private Schulen und Universitäten erlaubt sind. Dies wird von der regierenden neoliberalen Nea Dimokratia mehr und mehr unterwandert, was zu heftigen StudentInnenprotesten in den letzten Monaten führte. Das „Ministerium für Bildung und religiöse Angelegenheiten“ verwaltet 22 Universitäten, an denen 360 000 StudentInnen studieren, weitere 210 000 besuchen eine der 14 TEI (entspr. Fachhochschulen).

Die Grundlage vieler Probleme wird bereits in den Mittelschulen gelegt. Bis 15 besuchen die Kinder eine zweistufige Gesamtschule. Danach kann entweder ein Lykeio (entspr. Gymnasium) oder ein TEE (entspr. Fachschule/HTL) besucht werden. Sissy, die in Thessaloniki studiert, erklärt: „Die Schule vermittelt nicht alles, was die Schüler brauche, um zu studieren, es werden nur sehr basale Kenntnisse vermittelt.“ Daher nehmen die meisten SchülerInnen Nachhilfe. Die Kosten dafür (etwa 2000-3000 Euro pro Kind und Jahr) sind eine enorme Belastung für sozial schwächere Familien. „Viele haben Schwierigkeiten das Geld aufzubringen, zahlen aber trotzdem, weil sie hoffen, dass das Kind die Universität besuchen kann“, erklärt Sissy.

Der Sprung an die Uni wird durch einen strengen numerus clausus gebremst. In landesweiten Examen werden die SchülerInnen gereiht. Gleichzeitig müssen sie bereits hier Studienrichtung und Universität wählen. Für einen Studienplatz sind gute Leistungen im Examen und beim Schulabschluss im jeweiligen Fach erforderlich. Schafft man das Examen nicht, gibt es die Möglichkeit diese zu wiederholen oder durch einen guten Fachabschluss einen Platz an einem TEI zu bekommen. Aufgrund dieser harten Auswahlbedingungen investieren viele Familien hohe Summen in Nachhilfe, in der Hoffnung den Kindern sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Die scheinbare Gleichheit im Auswahlverfahren wirkt jedoch genau entgegengesetzt, wie Pierre Bourdieu analysiert: „Indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten wie Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprünglichen Ungleichheiten gegenüber der Kultur.“ Kosmas, der in Athen studiert, konkretisiert: „Da wirklich alle Nachhilfe nehmen müssen, sind die gut Verdienenden natürlich im Vorteil.“

Das studentische Leben ist einerseits von Prekärität geprägt. Ein Studienbeihilfenwesen wie in ö–sterreich gibt es nicht, viele StudentInnen müssen sich Geld dazuverdienen, meist ohne Anmeldung und soziale Absicherung. Andererseits werden an griechischen Unis Lehrbücher kostenlos zur Verfügung gestellt, auch Mensa und Museen sind frei. Die meisten Lehrveranstaltungen haben Vorlesungscharakter, Seminare und Seminararbeiten sind eher die Ausnahme. Neben Souvlaki und Nescafö© Frappö© gehört auch die lebendige studentische Protestkultur traditionell zum griechischen StudentInnenleben dazu.

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien und Konstanz

Weblinks: http://www.ypepth.gr

Veröffentlicht in PROGRESS 01/07, S. 11

Zivi im Sonderangebot

Am 29. September endete die Frist, innerhalb der ehemalige Zivildiener ihre Ansprüche auf Nachzahlung des Verpflegungsgeldes anmelden konnten. Eine Bestandsaufnahme von begangenem Unrecht, politischer Willkür und ausgebeuteten jungen Menschen. Von Timon Jakli

Der Autobus nach Wien. Ein Grundwehrdiener in voller Uniform steigt ein, lässig einen Rucksack über die Schulter geworfen. Nicht einmal seinen Ausweis muss er herzeigen, sofort erhält er einen verbilligten Fahrschein. Einige ältere Damen äußern sich bewundernd über den schmucken Soldaten, wie attraktiv die jungen Männer im Kampfanzug nicht seien. Direkt hinter ihm ein anderer junger Mann, lässig gekleidet mit Dreads. Er zeigt seinen Zivildienerausweis vor, statt einem verbilligten Fahrschein bekommt er aber vom Fahrer unfreundlich erwidert, dass er keinen Anspruch darauf hätte. Wenn es ihm nicht passe, hätte er ja zum Heer gehen können. Die alten Damen sehen den jungen Mann pikiert an.

Der junge Mann arbeitet in einem Altersheim oder vielleicht bei der Rettung und setzt sich in 12 Stundenschichten, oft 60 Stunden in der Woche, für Mitmenschen ein.

An diesem Beispiel wird die Ungleichbehandlung von Zivildienern und die mangelnde Sichtbarkeit ihrer Arbeit in der Gesellschaft deutlich. Die letzten Entwicklungen sind nur Kulminationspunkt einer langen Entwicklung von juristischen Benachteiligungen, denen Zivildiener in ö–sterreich ausgesetzt sind.

Die Vorgeschichte

Die Situation der Zivildiener änderte sich nach der schwarz-blaurangen Wende gravierend. In wilder Novellierungswut sollten plötzlich 3,12 Euro pro Tag (vorher: 11,3) für die Verpflegung ausreichen. Dies wurde vom Verfassungsgerichtshof [VfGh] schnell als rechtswidrig aufgehoben. In einer neuen Novelle 2001 wurde geschickter eine „angemessene Verpflegung“ vorgeschrieben, die von den meisten Einrichtungen mit 6 Euro pro Tag interpretiert wurde.

2001 und 2002 hatte der VfGh in Einzelverfahren bereits festgestellt, dass für eine angemessene Verpflegung zwischen 11,3 und 13,6 Euro pro Tag erforderlich sind. Seitens des Innenministeriums und der von ihr – im übrigen rechtswidrig – beauftragten Zivildienstverwaltungs GesmbH (einem Privatunternehmen des Roten Kreuzes) wurden die Beschwerdeverfahren endlos in die Länge gezogen. Bis der VfGh diese Praxis durch ein Erkenntnis im Oktober 2005 beendete, das die schon vorher getroffenen Entscheidungen unterstützte und 13,6 Euro als Richtsatz festsetzte. Im Februar wurde darauf von der Bundesministerin für Inneres eine neue Verordnung zur Verpflegung von Zivis erlassen. [i]

Politische Spielchen

Fast parallel dazu beriet die Zivildienst-Reformkommission bis Jänner 2005 über die Erneuerung des Zivildienstwesens. Dabei wurde von der Jungen ö–VP ein „Zivildienerbund“ gegründet, der nie tätig wurde, aber von der ö–VP ins Feld geführt wurde, „um die Position der kritischen Zivildienervertreter bei der Zivildienst-Reformkommission zu schwächen“, wie Florian Seidl, stv. Obmann der Plattform für Zivildiener, bemerkt. Ein weiteres Beispiel für die „schmutzigen Methoden die rechtskonservative Regierung gegen die Interessen der Zivildiener“, so Seidl. Erfolgreich wurde auch die Schaffung einer gesetzliche Standesvertretung für Zivildiener verhindert, die damit immer noch keine gesetzlich anerkannte Stimme haben.

Als sich mit dem Spruch des VfGh eine Lösung der Verpflegungsgeldfrage anbahnte, sprangen die meisten politischen Parteien auf den Zug auf. Die Grünen präsentierten Formulare, mit denen Zivis endlich zu ihrem Recht kommen könnten (Formulare, die die Plattform für Zivildiener schon seit langem zur Verfügung gestellt hatte). Den Vogel schoss jedoch Norbert Darabos ab, indem er gleich eine „Geld-zurück-Garantie“ abgab: „Konkret werde man bei einem SPö–-Kanzler ohne Wenn und Aber die Differenz auf diese 13,60 Euro rückwirkend ab dem Jahr 2001 an alle ausbezahlen, die seither ihren Zivildienst abgeleistet haben“.[ii] Der Anfang einer langen Reihe von Instrumentalisierung der Zivis durch PolitikerInnen, man war auf Stimmenfang aus – schon mit Blick auf die Wahlen im Oktober. Im aktuellen Kontext der Regierungsbildung fordern SPö– und Grüne eine Fristverlängerung für Nachzahlungsanträge, gegen die Meinung der ö–VP. Es scheint um klare Positionen zu gehen, oder nicht ?

Das Zivildienst öœbergangsrecht

Interessant also, dass trotz aller Rhetorik im März 2006 das Zivildienst-öœbergangsrecht von allen Parteien einstimmig verabschiedet wurde. Im öœbergangsrecht werden erstmals die vom VfGh konstatierten 13,6 Euro akzeptiert, im gleichen Atemzug wird aber ein System zur Berechnung von Abschlägen konstruiert. Ferner wurde der 29.09.2006 als Frist zur Geltendmachung von Ansprüchen eingeführt – alle bis dahin nicht eingebrachten Anträge würden verfallen.[iii] Man wollte das Thema ein für alle Mal vom Tisch haben. Wie Florian Seidl, ausführt konstruiert das öœbergangsrecht „einen Hindernisparcours für den Zivildiener, der um sein Recht kämpft. Unklare Zuständigkeiten und heimtückische Fristen führen dazu, dass viele Zivis um ihr Geld umfallen. Das Verfahren ist umständlich und intransparent. Zivis werden abgeschreckt, nehmen gutgläubig die Angebote der Einrichtungen an oder erfahren nie, dass ihre Fristen schon längst abgelaufen sind.“

Einmal nachrechnen…

Nicht umsonst wurde diese kafkaeske Rechtskonstruktion ersonnen, geht doch um viel Geld. Im Gesetz sind für die Nachzahlungen 100 Mio Euro veranschlagt (Studiengebühren machen etwa 140 Mio/Jahr aus). Wie Seidl ausführt, sind die Nachzahlungen um die Hälfte zu niedrig, woraus sich eine Ersparnis von mindestens 100 Mio Euro für Staat und Trägerorganisationen ergibt, wobei noch diejenigen dazu kommen, die keine Anträge stellen oder ihre Fristen versäumen.

Konkret zahlen die Einrichtungen den Zivis den Betrag nach, den sie vom Staat überwiesen bekommen – höhere Ansprüche werden geleugnet und es entstehen den Trägerorganisationen de facto keine Kosten. So werden einem Zivi vom Roten Kreuz beispielsweise etwa 1400 Euro angeboten – nur die Hälfte des Betrags, der ihm (inklusive rechtsüblicher Zinsen) zustehen würde.

Aus ökonomischen Zwängen nehmen die meisten Zivis die zu niedrigen Angebote an. Der Standard meldet, dass 2 Tage vor Eingabeschluss 50% der Zivis die zu niedrigen Angebote der Einrichtungen angenommen hätten und bereits 23,5 Millionen Euro ausbezahlt worden seien.[iv] Stimmen diese Zahlen, so liegen die realen Auszahlungen sogar nur bei 25% der tatsächlich zustehenden Summe (siehe Grafik).

Ware Zivildiener

Die Behandlung der Zivildiener entspricht ganz der neoliberalen Warengesellschaft, in der sie ihre Arbeit leisten. Zivildiener verkaufen ihre Arbeitskraft zu lächerlichen Preisen und werden wie Waren gehandelt. Vom Individuum und seinen Bedürfnissen wird dabei völlig abstrahiert, es bleibt ein Verschieben von Rechnungsposten. Mitspracherecht wird der Ware Zivi abgesprochen, ebenso ihre faktische Bedeutung für die Gesellschaft (Fredy Mayer vom Roten Kreuz: „Das Rote Kreuz braucht überhaupt keine Zivildiener.“[v]).

Durch die eklatante Benachteiligung der Zivildiener entsteht jedoch bei vielen ein Bewusstsein der Missstände und dieses mündet nicht selten in politische Initiative, sei es am eigenen Dienstort oder überregional (wie beispielsweise die Plattform für Zivildiener).

Ob die SPö– ihre überschwänglichen Versprechen halten wird bleibt fraglich. Letzten Endes wird der Kampf der Zivis um faire Behandlung jedoch weitergehen !

Weblinks:
www.zivildienst.at
www.zivildienstverwaltung.at

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien und Konstanz

[i] Der Text der Verpflegungsgeldverordnung ist abrufbar unter: http://ris1.bka.gv.at/Authentic/findbgbl.aspx?name=entwurf&format=pdf&docid=COO_2026_100_2_256372

[ii] http://news.orf.at/ticker/200229.html

[iii] Text des Parlamentsbeschlusses zum öœbergangsrecht: http://www.parlament.gv.at/pls/portal/docs/page/PG/DE/XXII/I/I_01343/FNAMEORIG_058005.HTML

[iv] http://derstandard.at/?id=2602021

[v] http://www.roteskreuz.at/1685.html

Veröffentlicht in UNITAT November 2006, S. 3

Statt der Erinnerungen nur noch Spuren

Mit Orhan Pamuk wurde der Favorit für den Literaturnobelpreis 2006 ausgezeichnet, ein Autor des europäisch-türkischen Dialogs. Eine Entscheidung der Akademie, die wie andere vor ihr auch ein politisches Statement darstellt.

Als am 12.10.2006 um 6:50 Pamuks Telefon klingelte, befand er sich fast noch im Bett. Der Sekretär der Schwedischen Akademie teilte ihm „höflich, sehr formell, sehr korrekt“ die Zuerkennung des Nobelpreises mit. Pamuk antwortete, dass er sich „sehr geehrt fühle.“ Der Geehrte wurde 1952 geboren und wuchs in einer wohlhabenden, westlich orientierten Familie in Istanbul auf – der Stadt, die seinen Lebensmittelpunkt und gleichzeitig Thema wie Kulisse seiner Bücher bildet. Nach seinem Architektur- und Journalismusstudium widmete er sich ausschließlich dem Schreiben. Lange Zeit nicht explizit politisch aktiv, wurde er einer breiten ö–ffentlichkeit 2005 durch die Kontroverse um sein Buch „Schnee“ und seine Kritik am Umgang der türkischen Regierung mit dem Genozid an KurdInnen und ArmenierInnen bekannt. Die türkische Rechte startete drauf eine Hetzkampagne gegen ihn und er wurde wegen „öffentlicher Herabsetzung des Türkentums“ angeklagt – das Verfahren wurde im Januar 2006 eingestellt.

Verwobene Bilder Pamuk ist eher Autor des Dialogs, in seinen Werken verwebt er Bilder von Ost und West vor dem Hintergrund eines liebevollen, teils wehmütigen Blickes auf seine Heimat. In der Begründung der Akademie heißt es, er habe „auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung der Kulturen gefunden“. Seine ProtagonistInnen bewegen sich in einem Kosmos von Symbolen und Zitaten auf der Suche nach Identität und Heimat. Wie Galip, Hauptperson in „Das schwarze Buch“, zerrinnen ihnen die als sicher geglaubten Bilder und Erinnerungen, sind leer geworden. Als ein rätselhaftes Gewirr von Zeichen stellt sich das Istanbul Galips dar, das den Anschluss an ein historisches Erbe nicht geschafft hat und sich damit selbst verlor. Pamuk ist jedoch ein Brückenbauer, der – wie die SZ schrieb – „das Erzählen von östlichen Gegenständen in den literarischen Formen des Westens wie auch das Erzählen von den Errungenschaften des Westens in den Gedankenfiguren des Ostens“ kultiviert.

Entscheidungspolitik Die Schwedische Akademie ist für ihre oft umstrittenen und auch als politische Statements intendierten Entscheidungen bekannt. Bisweilen wird prononciert politischen AutorInnen der Vorrang gegenüber literarischen StilistInnen eingeräumt (so ging auch dieses Jahr der große arabische Dichter Adonis leer aus).
Mit Orhan Pamuk wurde ein Autor des Dialogs zwischen Ost und West geehrt, der sich (wie in der Friedenspreisrede) klar zur Zusammengehörigkeit von Europa und der Türkei bekennt. Letztes Jahr wurde mit Harold Pinter ein Exponent eines im wesentlichen überlebten Dramenkonzeptes geehrt, jedoch auch ein spitzer politischer Kritiker Tony Blairs und vehementer Gegner des Irakkrieges. Die Ehrung Elfriede Jelineks 2004 war ebenfalls eine Stellungnahme für gesellschaftlich engagierte Literatur, die rechte Umtriebe nicht schweigend zur Kenntnis nimmt. Unvergessen auch die Ehrung für Dario Fo (und seine Nobelpreisrede!) im Jahr 1997, einen der lautesten und gleichzeitig geistreichsten Gegner des „italian way of politics“.

Zurück zum Erzählen ? Mit der Ehrung Pamuks mag sich auch ein Richtungswechsel in der Vergabe des Literaturnobelpreises ankündigen. Ende des Jahres werden zwei Mitglieder der Schwedischen Akademie neu aufgenommen – ein Schriftsteller und eine Schriftstellerin. So mag die Auszeichnung Pamuks auch für eine Rückkehr hin zu Geschichten stehen, ein Bekenntnis zum Erzählen als identitätsstiftender Praktik. Aber auch ein Signal für eine Nobelpreispolitik, die sich den Vielen zuwendet, die AutorInnen unterstützt, die im Schaffen begriffen sind und für eine breite LeserInnenschaft zugänglich sind. Sicher ist jedenfalls, dass der Literaturnobelpreis am 10. Dezember feierlich verliehen wird.

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien und Konstanz

Weblinks:
www.nobelprize.org
www.orhanpamuk.net

(veröffentlicht in PROGRESS 07/06, S. 29)

Schöne neue Wirtschaft

In Garagen, in denen junge Technikfreaks bastelten fingen sie an, die Erfolgsgeschichten der IT-Branche. Große Erwartungen waren mit ihnen verbunden, nicht zuletzt auf traumhafte Gewinne. Bis die sprichwörtliche Blase platzte. Was blieb – ein Scherbenhaufen?

Vor 30 Jahren, als Computer so groß wie Kleiderschränke waren und selbst BrancheninsiderInnen über die Idee mit „Heimcomputern“ Geld zu verdienen lachten, hätte niemand erträumt, dass einmal in fast jedem Haushalt ein solcher stehen würde. Mitte der 1990er Jahre, als die Verbreitung des Internets richtig durchstartete, begannen auch die Börsengurus Blut zu lecken – hier war Geschäft zu machen.

Die Idee dahinter: Im postkapitalistischen Zeitalter verliere Warenproduktion ihre Bedeutung, Information sei die Währung der neuen Zeit. Nicht mehr künstliche Verknappung, sondern maximale Verbreitung würde den Wert und Preis der Informationsgüter bestimmen – hängen einmal alle am Netz, entstehe maximaler Nutzen, ergo maximaler Gewinn. Geboren war das Kind, genannt New Economy.

Die Dotcom-Blase. In der Hoffnung auf große Gewinne investierten AnlegerInnen Milliarden in neue IT-Unternehmen. Die Börsenkurse stiegen 1999 sprunghaft an, der NASDAQ Index sprang innerhalb eines Jahres von 2000 auf 5000 Punkte. Im März 2000 brach der Markt zusammen. Das reale Kapital der Unternehmen stand in keinem Verhältnis zu ihrem Börsenwert, zudem waren keine Gewinne in Sicht. GroßanlegerInnen zogen ihr Kapital ab, KleinanlegerInnen verkauften in Panik. Die Kurse brachen ein – allein in der Telekombranche wurden unvorstellbare 3800 Milliarden Dollar vernichtet, 500 000 Menschen verloren ihre Arbeit berichtete Financial Times 2001. Ruinierte KleinanlegerInnen, Schließungen von Unternehmen und massenhafte Entlassungen von ArbeiterInnen waren die Folge. Die Blase war geplatzt.

Was war passiert? Der Glaube elementare Gesetze kapitalistischer ö–konomie außer Kraft setzen zu können war gescheitert. Wie Reinhard Blomert formuliert, war die New Economy „im Kern kriminell […und] brachte wenigen Insidern hohe Gewinne, Millionen von Anlegern dagegen verloren durch das Platzen der Blase ihr Geld, ihre Renten und zwei Millionen Arbeiter und Angestellte ihre Arbeitsplätze.“ Hätte man ein wenig bei Marx nachgelesen, wäre schnell klar geworden, dass Mehrwertschöpfung ohne gleichzeitige Hierarchisierung von Besitzenden und Nichtbesitzenden nicht möglich ist. Die vermeintliche Autonomisierung des arbeitenden Subjekts zur Ich-AG und die Hoffnung auf Gewinnoptimierung für alle wurden zur zynischen Ideologie. Diese Art von „digital-liberalistischer, arroganter und triumphalistischer Weltanschauung […] ging bankrott, weil das Modell eines perfekten freien Marktes eine praktische und theoretische Lüge ist“, so der Autor und Philosoph Franco Berardi. SiegerInnen blieben die MonopolkapitalistInnen, die sich den Markt sicherten und aufteilten – ganz nach den klassischen Grundsätzen der Old Economy. Oder wie Berardi es formuliert: „Der Neoliberalismus brachte seine eigene Negation hervor, und die, die seine am meisten begeisterten UnterstützerInnen waren, wurden seine marginalisierten Opfer.“

Neue Spielräume ? Trotz einer Erholung der Branche – mittlerweile sind in den USA mehr IT-SpezialistInnen angestellt als 2001 – änderte sich ihre Struktur: Gefragt sind hochspezialisierte Fachkräfte, die VerliererInnen der Branche sehen sich immer mehr der Prekärisierung ausgesetzt – im Datenverarbeitungsbereich liegt die Selbstständigenquote bei 50%. Laut WKO liegt der Anteil der Kleinunternehmen in der IT-Branche über 90%, Information und Consulting machen 21,4% der Unternehmensgründungen aus – die Ideologie der Ich-AG lebt. Ob der Optimismus gerechtfertigt ist, dass diese ArbeiterInnen durch die massiven Markteffekte ein neues Proletariat bilden ist fraglich. So bleibt es letzten Endes eine politische Frage, die Situation zu verändern.

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien und Konstanz

Weblinks:

http://eipcp.net/transversal/1203/bifo/de
http://www.wired.com/wired/5.09/newrules_pr.html
http://www.bpb.de/files/62G035.pdf

Copyright 2006 by Timon Jakli,
Veröffentlicht in PROGRESS 6/06, S. 22

34 Hektar Widerstand

Seit 35 Jahren besetzt ein bunter Mix aus Hippies, AnarchistInnen und Alternativen ein ehemaliges Militärgelände im Herzen Kopenhagens. Der Freistaat Christiania – eine Geschichte über Widerstand, Liberalismus und Integration.

Timon Jakli

Hippietum in Kopenhagen zwischen TouristInneninvasion und Polizeirazzia
Hippietum in Kopenhagen zwischen TouristInneninvasion und Polizeirazzia

Vormittags, wenn die Sonne auch die letzten Menschen aus den Betten getrieben hat, bevölkern sie die Straßen Christianias: Die Kamera vor den Bauch geschnallt und das Rucksäckchen gepackt, schlendern unzählige TouristInnen durch den Freistaat, um den „progressiven und freisinnigen dänischen Lebensstil“, so die Homepage der ChristianitterInnen, zu besichtigen. Grotesk mutet es an, wenn die BewohnerInnen fotografiert werden wie Tiere im Zoo, jedem/r sein/ihr Hippie für zu Hause – wenigstens am Photo. Bis wieder einmal jemand laut „no photo !“ durch die Straßen schreit und böse dreinschaut – dann werden die Kameras schuldbewusst weggepackt, für ein paar Minuten.
Diese Episode erzählt wohl mehr über die dänische Gesellschaft und die Integrationsfähigkeit des Kapitalismus, als es den BewohnerInnen des Freistaats lieb ist.

Die Vorgeschichte. Als 1971 Hippies und HausbesetzerInnen ein verlassenes Militärgelände im Stadtteil Christianshavn in Kopenhagen besetzten, sorgte dies in linksalternativen Kreisen und Zeitungen für Aufruhr. Eine große Zahl Menschen ließ sich auf dem Gebiet nieder und es entstand ein Staat mit Grassroot-Demokratie. Rasch kam es zu Konflikten mit der dänischen Regierung. In der ersten Phase (bis Ende der 70er) ging es vor allem um das Existenzrecht des Freistaates, von Regierungsseite wurde wiederholt versucht, das Gelände zu räumen. Anfang der 1980er Jahre begann die dänische Regierung, Pläne zu entwerfen, Christiania als Versuchsstadt unter Selbstverwaltung bestehen zu lassen, ein Prozess der bis zum Beginn der 1990er Jahre andauerte. Die Hauptkonfliktlinien verliefen in dieser Zeit um den Drogenkonsum/handel sowie Abgabenregelungen. Zum 20 jährigen Bestehen des Freistaates stand im wesentlichen eine Rahmenvereinbarung mit dem Staat Dänemark, die in den 90er Jahren weiter ausverhandelt wurde – die Institutionalisierung Christianias schritt voran. Die bürgerlich-konservative Regierung Dänemarks fährt seit 2001 einen härteren Kurs, indem sie beim Haschischbesitz mit großen Polizeiaktionen seit 2003 hart durchgreift sowie Normalisierungspläne für die Mietstruktur des Geländes entwickelt.

Integration und Institutionalisierung. Die Geschichte Christianas illustriert deutlich eine Tendenz spätkapitalistischer Gesellschaften: Die totale Integration widerständiger Elemente. Dänemark als klassisch liberaler Staat, geprägt von den Revolutionen des 18. Jahrhunderts und ihrer Idee bürgerlicher Freiheit, hat Individualität als großen Leitgedanken – nicht umsonst macht sich Design in allen öffentlichen und privaten Bereichen als Dekadenzerscheinung breit. Die Pseudoindividualitäten klopfen an alle Türen. Und als ebensolche wurde Christiana in das System integriert, fungiert als Designelement einer liberalen Gesellschaft, die durch das Zulassen einer Hippiekolonie im Herzen der Stadt ihre Offenheit zeigt und sich dadurch gleichzeitig als letztgültiger Garant der Freiheit weiter zementiert. Als eine von vielen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung innerhalb einer liberalen Gesellschaft, steht Alternativität genau so im Warenregal Dänemarks wie Tivoli und Tierpark. Dass darüber hinaus der politische Anspruch des Freistaates außen vor bleibt und sich in Kiffen und Kunsthandwerk erschöpft, ist Nebensache.

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien

Weblinks:
http://www.christiania.org

Copyright 2006 by Timon Jakli,
Veröffentlicht in PROGRESS 5/06, S. 15

Mit Blaulicht und Folgetonhorn

Das semantische Feld für Hilfeleistung und Rettungsdienst ist stark besetzt: Das Rote Kreuz ist für jedes Kind ein Begriff. Vor 125 Jahren, nämlich 1880 wurde die österreichische Rot-Kreuz-Gesellschaft gegründet. Ein Blick auf Vergangenheit und Gegenwart. Timon Jakli

Zum 125jährigen Bestehen des österreichischen Roten Kreuzes (ö–RK) wird eine Erfolgsgeschichte erzählt[i], getragen von vielen HelferInnen in der Tradition Henri Dunants. Konstruiert wird diese Erzählung entlang der sieben Grundsätze „Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Freiwilligkeit, Einheit, Universalität“. Diese werden im Folgenden kritisch beleuchtet.

Immer neutral ?

Auch wenn sich das ö–RK daran nicht erinnern will, war es um seine Grundsätze nicht immer gut bestellt. So bezog das Rote Kreuz im Bürgerkrieg von 1934 klar Stellung auf katholisch-konservativer Seite. Die verwundeten und kämpfenden Arbeiter, Opfer des Kampfes gegen den Austrofaschismus, wurden blutend in den Schlachtruinen liegen gelassen. Für sie formierte sich auf sozialistischer Seite der Arbeiter Samariter Bund.[ii]

Auch international erscheint die Neutralität brüchig: Der in Israel seit 1930 tätigen Hilfsgesellschaft Magen David Adom (MDA) verweigert die Internationale Rote Kreuz Gesellschaft (IKRK) die Aufnahme. Die absurde Begründung dafür lautet, es würden keine Schutzzeichen mit nationalem oder religiösem Bezug anerkannt. Im Gegensatz zu den Zeichen arabischer Ländern wird das Schutzzeichen des MDA (der rote Davidsstern) vom IKRK nicht akzeptiert. Ausnahmen für Rote-Halbmond-Gesellschaften wurden jedoch sehr wohl gemacht.

Die Sache mit der Unabhängigkeit…

Von der Tagespolitik ist das ö–RK lange nicht so unabhängig, wie es vorgibt. In der Besetzung der Vereinsstruktur dominiert klar die ö–VP, was bei Präsident Fredy Mayer (20 Jahre ö–VP LAbg. in Vorarlberg) beginnt und sich durch die neun Landesverbände zieht.

Unter der schwarz-blauen Bundesregierung wurde Mayer als Präsident der Zivildienstreformkommission eingesetzt und einer Gesellschaft des ö–RK wurde die Zuteilung und Verwaltung von Zivildienstleistenden übertragen. Letzteres wurde vom Vfgh als unrecht befunden, da hier eine staatliche Kernkompetenz in abhängige, privatwirtschaftliche Hand delegiert wurde.

Zuletzt positionierte sich das Rote Kreuz durch die Verleihung des „Humanitätspreises der Heinrich Treichl Stiftung“ an Hans Dichand politisch eindeutig im konservativen Lager.

Und dann waren da noch die Zivis…

Nicht nur, dass das ö–RK durch die Ausbeutung der Zivildiener Geld verdient, erwies sich das Rote Kreuz als vehementester Gegner einer Zivildienstverkürzung und legte mit einer Forderung nach einem verpflichtenden Sozialdienst auch für Frauen nach. Die finanzielle und arbeitsrechtliche Ausbeutung der Zivildiener stellt dem Roten Kreuz und seinem Diktum von Freiwilligkeit kein gutes Zeugnis aus.

öœber dies sollte jedoch nicht die Leistung der vielen haupt-, ehrenamtlichen und zivildienstleistenden Mitarbeiter des Roten Kreuzes vergessen werden, die trotz der widrigen strukturellen Gegebenheiten im konkreten Einsatz und auf der „untersten“ Ebene der Organisation oft großartiges Leisten.

[i] Zum Beispiel unter: http://125.roteskreuz.at

[ii] Speziell dieses Feld stellt ein Forschungsdesiderat dar. Siehe dazu PEBALL, Kurt: Die Kämpfe in Wien im Februar 1934. Wien, 1978. Zur problematischen Rolle des Roten Kreuz im 2. Weltkrieg vgl. BIEGE, Bernd: Helfer unter Hitler. Das Rote Kreuz im Dritten Reich. München, 2000.

Text: Copyright 2005 von Timon Jakli
Veröffentlicht in UNIQUE 06/05

Ein Kuckuck im kakanischen Nest

Dreimal entdeckt und wieder vergessen, und das innerhalb von hundert Jahren – eine ganz beachtliche Bilanz für einen Autor und sein Werk. Eine Annäherung an einen Unangenehmen der österreichischen Literatur, an Albert Drach, dessen Tod sich dieses Jahr zum zehnten Mal jährt. Timon Jakli

Es ist bemerkenswert, welche Wellen die Rezeption des Werkes von Albert Drach in der jüngsten Literaturgeschichte schlägt. Als seine Bücher zu Beginn der 1960er Jahre entdeckt wurden schaffte er den Durchbruch, endlich ein über die NS-Zeit schreibender ö–sterreicher, seine Bücher wurden neu aufgelegt – und es wurde wieder still um ihn. Dann Ende der 1980er machte ein Zeitungsartikel auf ihn aufmerksam, die literarische ö–ffentlichkeit nahm ihn wieder wahr. Prompt folgte 1988 die Vergabe des Büchnerpreises an den unbekannten Außenseiterautor Albert Drach. Wieder wurden seine Werke neu aufgelegt, diesmal bei Hanser – und es wurde wieder still um ihn. Endlich zu seinem 100. Geburtstag wurde Drach wieder geehrt, diesmal schon posthum, und für kurze Zeit stand er im Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Das war vor mittlerweile drei Jahren, eine neue Werksausgabe bei Zsolnay wurde präsentiert – und wieder wurde es still um ihn.
Dieses doch bemerkenswerte Auf und Ab von Vergessen und Entdecken liefert doch einigen Erklärungsbedarf.

Der Kuckuck im Vogelnest

Da die meisten Literaturgeschichten bestenfalls den Namen Drachs verzeichnen, sei zu seinem Leben folgendes gesagt: 1902 wurde Albert Drach als Sohn jüdischer Eltern in Mödling bei Wien geboren. Er absolvierte ein juristisches Studium, praktizierte als Anwalt und war schon früh als Schriftsteller tätig. Nachdem sich ö–sterreich an Deutschland angeschlossen hatte, floh Drach Ende 1938 über Jugoslawien und Italien nach Frankreich. Dort wurde er vom Vichy Regime in mehreren Anhaltelagern interniert und sollte schließlich an die Nationalsozialisten ausgeliefert werden. Drach gelang es durch eine wilde Kapriole (die am besten selbst in „Unsentimentale Reise“ nachzulesen ist) zu entkommen und er nistete sich in einem kleinen französischen Dorf ein – als Kuckuck im feindlichen Nest. Nach dem Krieg kehrte er nach Mödling zurück. Er stritt mit der Republik erbittert um sein arisiertes Heim – und gewann (im Gegensatz zu unzähligen anderen Opfern). Wieder nistete er sich ein, auch diesmal als Fremdkörper, in einer Gesellschaft die ihr nazistisches Gedankengut gerne mal latent beibehält. Im „Drach-Hof“ lebte und arbeitete Albert Drach zusammen mit seiner Frau Gerty bis zu seinem Tod 1995.

Seine Erlebnisse während der NS-Zeit und auf der Flucht verarbeitete Drach in seine Romane „ZZ – Das ist die Zwischenzeit“ und „Unsentimentale Reise“. Die oft als autobiographisch bezeichneten Romane gehen jedoch weit über eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte hinweg. Ironisch wird hier eine Kunstfigur stilisiert, anhand derer Welt und Gesellschaft ausgelotet werden (und die in „Unsentimentale Reise“ bezeichnenderweise den Namen Peter Kucku bekommt). Durch die ironische Brechung wird die Erfahrung reflexiv weitergedacht.

Der rebellische Kakanier

Ist von den Werken Albert Drachs die Rede, werden sie schnell als Kuriosa in eine Ecke gestellt – sein Protokollstil, sein juristisches Amtsdeutsch – all diese charmanten öœberbleibsel unseres schönen, alten kaiserlichen ö–sterreichs machen einen echten Drach aus. Damit wäre die kritische Arbeit daran auch erledigt, der Weg ins Vergessen ist geebnet.
Allein dieser Umgang mit Sprache zeugt vom Zustand unserer Gesellschaft. „Geschichte tangiert die Sprache nicht nur, sondern ereignet sich mitten in ihr“ schrieb Adorno in seinen Minima Moralia. Weiter: „Die Simplifizierung jedoch, die nicht bloß vom Marktinteresse, sondern von triftigen politische Motiven und schließlich vom geschichtlichen Stand der Sprache selber suggeriert wird, überwindet nicht sowohl die Nuance, als dass sie deren Verfall tyrannisch befördert.“ (Adorno, Minima Moralia, 2003. S. 250f.)
Es ist wenig wahrscheinlich, dass Albert Drach beim Schreiben seiner Werke Adorno bewusst wahrgenommen hat, ebenso wenig, dass Adorno Drach rezipierte. Trotzdem findet sich in Drachs Werk obenstehender Befund umgesetzt. Meisterhaft verwendet Drach in seinen Werken die totale Kanzleisprache Kakaniens und treibt ihre öœberstrukturiertheit immer weiter und weiter, „bis sie aus der subjektiven Abschattung umschlägt in die reine spezifische Bestimmung des Gegenstandes“ (Ebd., S. 252). Das Bestehen auf dem Detail wird so weit getrieben, dass es zu einer ironischen Bestimmung der Wirklichkeit ex negativo wird.
Dieses Verfahren führt Drach in „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ und in „Untersuchungen an Mädeln“ auf der inhaltlichen Ebene weiter. In beiden Fällen sind die Hauptpersonen Angeklagte und die Figuren werden in den „Protokollen“ ex negativo gezeichnet: je mehr belastende Beweise und Indizien sich gegen die Angeklagten ansammeln, desto mehr wird die Unschuld der Angeklagten und die Korrumpiertheit der sie umgebenden Welt deutlich.

Dummheit als Makel

Doch damit ließ es Drach nicht bewenden. Immer war er überzeugt, durch seine Romane und Dramen auf die Menschen wirken zu können. Zu Zeiten, als noch Dramen von ihm aufgeführt wurden (so sein zu Unrecht vergessenes „Satansspiel vom göttlichen Marquis de Sade“), hielt er bisweilen im Anschluss daran kurze Ansprachen um dem Publikum verständlich zu machen, was es daraus lernen könnte. Nicht nur das, meldete er sich auch in der ö–ffentlichkeit gerne zur Interpretation seiner Werke zu Wort und ließ sich dabei nicht gerne ins Wort pfuschen. Legendär die Episode, als Paul Kruntorad konstatierte, Drach sei von Herzmanovsky-Orlando beeinflusst. Stehenden Fußes verklagte Drach ihn – und gewann. Dieses gesellschaftliche Engagement, das erbitterte Festhalten am Veränderungswillen machte es leicht, Drach als lebenden Anachronismus fortzuschieben.
Wenn Albert Drach Dummheit als den größten menschlichen Makel kritisierte, lag er damit vielleicht gar nicht so falsch. Für ihn war klar, dass die Dummheit der Menschen, nicht hinsehen zu wollen, allem öœbel – wofür der Nazismus stand und steht – Tür und Tor öffnet. Hitler war für ihn der Höhepunkt der Dummheit, er desavouiert ihn als burlesken Kasperl, als lächerliches Theater einer lächerlich gewordenen Welt.
Greift diese Erklärung auch zu kurz, um Nazismus und die Grausamkeit kapitalistischer Marktlogik zu fassen, so ist sie doch eine Erklärung für das auffällige Vergessenwollen gegenüber dem großen Autor Albert Drach. Den Dummen fällt es leichter, das Unangenehme beiseite zu schieben, als sich dem eigenen Unvermögen zu stellen und insofern ist Drach auch heute – gerade für ö–sterreich – hochaktuell.

Copyright 2005 by Timon Jakli,
Veröffentlicht in UNIQUE 04/05

Gott, der Kapitalist

Der alte Papst ist von uns gegangen, schon ist ein neuer Herr über die Christenheit gewählt. öœber Kontinuitäten, Theologen und Antikommunisten schreibt Timon Jakli

Nichtsahnend rufe ich an einem Dienstagabend die Internetseite des STANDARD auf, da springt mir in geschmackvoll-grellrosaner Schrift „Habemus Papam“ entgegen, daneben eine süßlich-stilisierte Sixtinische Kapelle aus der rosa Rauch aufsteigt. Wir haben also einen neuen Papst.

Wohl selten zuvor wurde ein Papstwechsel medial so inszeniert wie der Tod Karol Wojitylas und die darauf folgende Wahl Joseph Ratzingers zum Papst. Theologisch und politisch griff Mann allerdings auf Altbewährtes zurück.

Der „Grundirrtum des Sozialismus“

Theologisch zeichnete sich das Pontifikat Wojitylas (geb. 1920 in Polen; Papst seit 1978) durch radikal konservative Theologie aus (man/frau denke an seine Ablehnung von Geburtenkontrolle, Abtreibung, etc.). Seine politische Brisanz erhielt es durch den passionierten Antikommunismus Wojitylas, der sich in die Reihe der Päpste als Bekämpfer des Marxismus stellte. Bekannt ist seine tragende Rolle bei der Gründung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und die aktive Unterstützung antikommunistischer Aktivitäten in Polen.

Nach dem Fall des Kommunismus zog Wojityla Bilanz über Kapitalismus, Kommunismus und Arbeiterfrage. In Anlehnung an die Enzyklika Rerum Novarum von Leo XII. (der 1887 den Katholiken verbot die Sozialisten zu wählen[i]) veröffentlichte Johannes Paul II. im Jahr 1991 die Enzyklika Centesimus Annus. Die Enzyklika nimmt die Arbeiterfrage zur Kenntnis, eignet sich dabei marxsche Terminologie an, um gleich darauf mit der „Marxistischen Ideologie“ abzurechnen.

Die Argumentation setzt an, indem sie die „Würde der Arbeit“ postuliert, ihre Notwendigkeit und Unverletzbarkeit, als Bedingung dafür aber sofort zum zentralen Punkt fortschreitet: zum „Recht auf Privateigentum“, dem zentrale Bedeutung für das menschliche Glück zugemessen wird. Es wird festgestellt, dass „der Grundirrtum des Sozialismus anthropologischer Natur ist. Er betrachtet den einzelnen Menschen lediglich als ein Instrument und Molekül des gesellschaftlichen Organismus, so daß das Wohl des einzelnen dem Ablauf des wirtschaftlich-gesellschaftlichen Mechanismus völlig untergeordnet wird“.[ii] Der Grund dafür liegt im Atheismus, der keine Würdigung des Individuums zulasse. Auf dieser Basis wird auch rasch noch die von Marx analysierte Entfremdung widerlegt, die es so nicht gebe, sondern die vielmehr eine Entfremdung von Gott sei.

Kapitalismus macht selig

Der Klassenkampf achte die Menschenwürde nicht, da er „nicht mehr das Gesamtwohl der Gesellschaft, vielmehr ausschließlich das Sonderinteresse einer Gruppe im Auge hat“. Was folgt ist ein Bekenntnis zum freien Markt, da gerade der Aufbau von demokratischen Gesellschaften unter marktwirtschaftlichen Prinzipien dem Kommunismus sein revolutionäres Potential entziehe. Denn, so der Papst, „in der westlichen Gesellschaft wurde die Ausbeutung wenigstens in den von Karl Marx analysierten und beschriebenen Formen überwunden.“

Auf Basis der katholischen Soziallehre wird dann ein umfassendes Bekenntnis zum Kapitalismus abgelegt: „Wird mit »Kapitalismus« ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher positiv.“

Natürlich habe dieser auch Schattenseiten, dagegen hält der Papst die katholische Soziallehre, wobei freudig zur Kenntnis genommen wird, dass sich auch weite Teile der Arbeiterbewegung weg vom Klassenkampf hin zu einer sozialreformerischen Bewegung entwickelt haben.

Historisch neu ist, das eindeutige Bekenntnis eines Papstes zu einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Man/frau bedenke, dass nach katholischer Theologie der Papst in Glaubensdingen unfehlbar ist, diese Enzyklika also nicht des Papstes Worte allein sind, sondern die Worte Gottes persönlich – Gott ist also Kapitalist.

Kontinuitäten

Nun ist Joseph Ratzinger Papst – bleibt alles anders ? Die Wahl Ratzingers ist wohl ein offenes Bekenntnis zu Fortsetzung der Politik Johannes Paul II. Die meisten wählenden Kardinäle waren von Wojityla eingesetzt worden und auf Kurs getrimmt. Ratzinger, der seit 1981 die Inquisition, pardon Kongregation für Glaubenslehre, leitete war bis zu seiner Wahl als Chefideologe des Papstes tätig, die Gedanken von Centesimus Annus gehen wohl auch auf ihn zurück. Ratzinger und Wojityla waren sich in der Ablehnung marxistischen Gedankenguts immer einig. Beide bekämpften Befreiungstheologen in Lateinamerika, die Evangelium und soziale Revolution verknüpfen wollten. So bezeichnete Ratzinger 1984 den Kommunismus als „Schande unserer Zeit“[iii], welche die Menschen versklaven würde. Auch theologisch gilt Ratzinger, der beim 2. vatikanischen Konzil noch zu den Reformern (!) zählte, als radikal konservativ und zentralistisch, der katholische Männerclub hat sich also für eine Fortsetzung des Altbewährten entschieden.

Viel Fortschritt mag man/frau von einem Amt, das „die versteinerte Ideologie des Mittelalters repräsentiert“[iv] auch nicht erwarten, oder wie Marx es formulierte: „Die Hypotheke, welche der Bauer auf die himmlischen Güter besitzt, garantiert die Hypotheke, welche der Bourgeois auf die Bauerngüter besitzt.“[v]

[i] Vgl. MEW 36, S. 622.

[ii] http://www.vatican.va/edocs/DEU0071/_INDEX.HTM – dort der Volltext der Enzyklika, aus dem nachfolgende Zitate entnommen sind.

[iii] Zit. nach L’Espresso, 28.04.2005.

[iv] MEW 4, S. 496.

[v] MEW 7, S. 56.

(veröffentlicht in UNITAT 2/05)

Der Kleinbürger will hoch hinaus

Wir schreiben das Jahr 2005, von allen Ecken des Kulturbetriebs tönt, was einst und jetzt Albtraum so manchen Mittelschülers: Wir haben ein Schiller-Jahr, jährt sich doch am 9. Mai Friedrich Schillers Tod zum 200. Mal. Grund genug einen Blick auf sein Leben und Werk zu tun. Von Timon Jakli

Als Friedrich Schiller 1759 geboren wird, stehen die Chancen für aufstrebende Kleinbürger im Deutschland der Kleinstaaterei des 18. Jahrhunderts gut.

In Württemberg studiert er zunächst erfolglos Jura und später Medizin. Gegen den aufgeklärten Absolutismus vollzieht Schiller schreibend das Aufbegehren, das die Stürmer und Dränger schon Jahre zuvor ausdrückt hatten.

Die Räuber (1780) zeigen den Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft – Schiller als wilder Revolutionär, das Stück macht ihn schlagartig bekannt. Schiller flüchtet aus der Enge Stuttgarts, es folgen Fiesko und Kabale und Liebe, die erfolglos bleiben. In den frühen Stücken lässt sich noch eine gewisse Distanz zur bürgerlichen Gesellschaft abmessen – wie Engels bemerkt, „[sei] es das Beste an Schillers „Kabale und Liebe“, daß sie das erste deutsche politische Tendenzdrama ist“.[i]

Wallfahrt zur Bürgerlichkeit

Geldsorgen treiben Schiller 1785 nach Leipzig, wo Don Karlos entsteht, der den Umbruch seiner dramatischen Konzeption markiert, und er beginnt sich historischen Studien zu widmen.

1787/88 kommt Schiller nach Weimar. Chronisch über Geldmangel klagend, besteht seine Hauptsorge darin von einer Gesellschaft zur nächsten zu eilen. Er verfasst die Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande, geprägt (auch mit Blick auf Frankreich) vom Glauben an die verändernde Kraft des Bürgertums. Als Schiller 1792 das Bürgerrecht der Republik Frankreich verliehen wird, hatte er sich schon längst von revolutionären Ideen verabschiedet.

Mit der Professur für Geschichte in Jena und seiner Ernennung zum Hofrat 1789/90, hatte er den Traum des Kleinbürgers gelebt. In dieser Zeit beginnt für Schiller eine Zeit der radikalen Umorientierung.

Es entstehen zahlreiche theoretische Schriften zum Theater. Mehr noch setzt sich Schiller mit Kant auseinander, was für sein folgendes Werk prägend wird. Der Begriff des Ideals wird zentral, seine Dramenfiguren werden zu „schönen Seelen“, bei denen Kantsche Pflicht und persönliche Neigung zusammentreffen. Er verfällt, so Engels, dem „Aberglaube[n], dass der philosophische Idealismus sich um den Glauben an sittliche, d.h. gesellschaftliche Ideale drehe“, fordert in seinem Ideal etwas Ohnmächtiges, „weil er das Unmögliche fordert, also nie zu etwas Wirklichem kommt“.[ii]

Der Bürger als Künstler und Erzieher

Eingeleitet durch die gemeinsame Arbeit an den Horen beginnt 1794 eine intensive Zusammenarbeit mit Goethe. Ebenda erscheint 1795/96 sein wohl wichtigster Aufsatz öœber naive und sentimentalische Dichtung.

Hier expliziert Schiller sein Schreibprinzip anhand der Differenz naiv-sentimental. Während der naive Dichter unmittelbar die Natur erweitere, stehe der sentimentale in einem Reflexionsverhältnis zu ihr – der moderne Dichter rühre durch Ideen.

Schiller macht klar wessen Aufgabe die Veredelung des Menschen durch Kunst sei. Es bedürfe einer „Klasse von Menschen (…), welche ohne zu arbeiten thätig ist, und idealisiren kann, ohne zu schwärmen; welche alle Realitäten des Lebens mit den wenigstmöglichen Schranken desselben in sich vereiniget, und vom Strome der Begebenheiten getragen wird, ohne der Raub derselben zu werden.“.[iii]

Mit dieser Anspielung auf die Bourgeosie, entlarvt sich Schiller als Proponent des gerade an die Macht gelangenden Bürgertums. Die arbeitende Klasse sei „Opfer ihres Berufs“[iv], die nur in den Müßiggang abgleite.

Was bis zu seinem Tod 1805 folgt kann als Umsetzung dieser idealischen Ideologie gesehen werden, es entstehen Maria Stuart (1800), Wallenstein und Wilhelm Tell (1804).

Der Geist Schillers trifft sich am Ende mit dem von Adorno beschworenen: „Als Kraft hat Schwäche den Gedanken des angeblich aufsteigenden Bürgertums zu der Zeit schon an die Ideologie verraten, da es gegen die Tyrannei wetterte. Im innersten Gehäuse des Humanismus, als dessen eigene Seele, tobt gefangen der Wüterich, der als Faschist die Welt zum Gefängnis macht.“[v]

[i] MEW 36, Brief v. 26.11.1885

[ii] MEW 21, S. 281

[iii] Schiller, Friedrich: öœber naive und sentimentalische Dichtung. Reclam, 2002. S. 94.

[iv] Ebd.

[v] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Suhrkamp, 2003. S. 100.

Copyright 2005 by Timon Jakli,
Veröffentlicht in UNITAT 1/05