Lebens-wert?

Mit der Entstehung der modernen Humangenetik wurde auch der Traum einer gesunden, starken Menschheit geboren. Ein Traum der bald in einen Albtraum umschlug. Die Umsetzung eugenischer Maßnahmen in der NS-Zeit und danach kostete hunderttausende Menschenleben. Am Grunde des Albtraumes wurden grundsätzliche Fragen über den Wert des menschlichen Lebens freigelegt.

Die ersten Assoziationen mit dem Begriff Eugenik sind meist negativ und wecken Erinnerungen an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Wörtlich bedeutet Eugenik „gutes/schönes Geschlecht“. Der Begriff entstand aus der Anwendung humangenetischer Erkenntnisse auf die Gesellschaft. Mit ihm werden Maßnahmen zur Verbesserung des Erbanlagenbestandes einer Population bezeichnet. Doch Eugenik ist keine Erfindung des Nationalsozialismus, sondern hat eine Vorgeschichte und auch eine Fortsetzung.

Die Anfänge Ende des 19. Jahrhunderts begann man in Biologie, Medizin und ö–konomie nach den Kosten und dem Nutzen des Einzelnen für die Gesellschaft zu fragen. Francis Galton beschäftigte sich mit Vererbung und übertrug die Lehre Darwins auf die Sozialpolitik, wofür er 1883 den Begriff Eugenik einführte. Der Sozialdarwinismus lehrte, die moderne Medizin und Sozialfürsorge würden eine „Gegenauslese“ bewirken und zur „Vermehrung der Hilfsbedürftigen“ beitragen. Damit verbunden war die Theorie, „entartete“ Menschen würden sich überdurchschnittlich schnell fortpflanzen und langfristig die „gesunden“ Menschen verdrängen. Im Gegensatz dazu sollte eine künstliche Selektion „fortpflanzungswürdiges“ Leben und die „Eigenschaften der Rasse“ fördern sowie die Entwicklung einer „hochbegabten Menschenrasse“ unterstützen. Diese Debatten wurden im Ersten Weltkrieg angeheizt, als von „Menschenmaterial“ die Rede war und die Gesellschaft mit dem Ausfall einer ganzen Generation junger Männer konfrontiert war. Durch Erwägung der Kosten für die Pflege Kranker und Behinderter in Relation zu den Toten an der Front unterstrichen die Sozialbiologen ihre Argumente.

Auslese und Ausmerze Die Eugeniker lassen sich grob in zwei Gruppen teilen. Die Vertreter der „positiven“ Eugenik befürworten die „Auslese“ von Leben, während die „negative“ Eugenik die „Ausmerze“ von „lebensunwerten“ Menschen zum Ziel hat. Jedoch näherten sich die Richtungen aneinander an, wenn es um Mittel wie Sterilisation, Abtreibung und Tötung „entarteter“ Menschen ging. Die Klassifikation von „entartet“ oder „lebensunwert“ folgte dabei einer kruden Mischung aus Moralismus, Rassentheorie und Naturwissenschaft; so schlossen diese Begriffe Kranke, Alkoholabhängige, moralisch verdächtige Personen, sozial Schwache oder weniger Begabte ein. Immer mehr fand auch der Gedanke einer wertvollen und reinen „nordischen Rasse“ in den Diskurs Eingang – und damit der Begriff der „Rassenhygiene“. Dabei war Eugenik nicht nur Sache der Rechten: Auch in der Sozialdemokratie fanden sich Befürworter für eugenische Maßnahmen, wie beispielsweise Julius Tandler.

Der Nationalsozialismus setzte die Forderungen der Soziobiologie radikal um. Bereits vor 1933 hatten zahlreichen Staaten eugenische Maßnahmen (Eheverbote, Sterilisierungsgesetze) implementiert, darunter die USA, Dänemark und die Schweiz. Doch im nationalsozialistischen „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wird betont: „Jedenfalls hat bisher kein Staat der Welt den Mut gehabt, die Sterilisierung von erbkranken Personen umfassend gesetzlich zu regeln.“ Die „umfassende“ Regelung bestand in der Sterilisierung von fast 400.000 Menschen in Deutschland und 10.000 Menschen in ö–sterreich, wobei hier in hohem Maße soziale Diagnostik betrieben wurde: 50% der Anträge wurden aufgrund von „Schwachsinn“ gestellt, in Landgebieten sogar bis zu 80%. Die zynisch mit „Euthanasie“ (schöner Tod) bezeichnete Tötung von über 5.000 geistig und körperlich behinderten Kindern und Babies war die weitere Konsequenz dieses Denkens. Durch einen Erlass Hitlers wurde 1939 die Euthanasie von geistig und körperlich behinderten Erwachsenen in Gang gesetzt (Aktion T4). Aufgrund massiver Proteste wurde diese Aktion jedoch abgebrochen und dezentral weitergeführt. Die Zahl der Euthanasieopfer wird für ö–sterreich auf 25.000 geschätzt. Von der Bewertung menschlichen Lebens nach Kosten-Nutzen und der Rassenhygiene führt eine direkte Linie zur Shoah und der Ermordung von über 6.000.000 Juden und Jüdinnen.

Globales Phänomen Eugenische Praktiken und Gesetze waren und sind jedoch nicht ein auf die NS-Zeit beschränktes Phänomen. Auch nach 1945 wurden in ganz Europa eugenische Maßnahmen praktiziert. So wurden in Deutschland bis 1992 jährlich etwa 1000 geistig behinderte Frauen ohne ihre Einwilligung sterilisiert. Möglich wurde das durch eine gesetzliche Regelung, die Zwangssterilisation erst ab dem 18. Lebensjahr verbot. Auch in den USA wurden bis 1974 zahlreiche kranke oder behinderte Menschen, Straftäter und Afroamerikaner sterilisiert. In Schweden bestand das Sterilisationsgesetz von 1941 unverändert bis 1975, in diesem Zeitraum wurden über 60.000 Menschen – vornehmlich Frauen – ohne Einwilligung unfruchtbar gemacht. ö„hnlich lange bestanden die Regelungen auch in anderen skandinavischen Ländern. Auch in der Schweiz wurden bis in die 1980er Jahre hinein zwangsweise Sterilisationen vorgenommen.

Ein heikles Thema ist Eugenik auch heute noch. So sieht das österreichische Recht vor, dass wenn „eine ernste Gefahr besteht, daß das Kind geistig oder körperlich schwer geschädigt sein werde“ ein Schwangerschaftsabbruch bis unmittelbar vor der Geburt möglich sei (StGB §97). KritikerInnen sehen darin eine Verletzung des grundsätzlichen Schutzes und Wertes von Leben, während BefürworterInnen hier Frauenrecht verankert sehen. Mit der modernen Humangenetik wurde ein weites Feld offener medizinethischer Fragen eröffnet. Schnell kommen dabei Argumente in die Nähe des sozialbiologischen Kosten-Nutzen Denkens. Auch in Debatten über Sterbehilfe oder die Finanzierung des Gesundheitssystems wird immer wieder gefragt, ob sich intensive Behandlung alter Menschen überhaupt lohne. Diese Diskurse zeigen, dass das Thema Eugenik in seiner Brisanz keineswegs vom Tisch ist. Die historische Erfahrung sollte uns aber lehren, wie gefährlich die Erwägung von Kosten und Wert menschlichen Lebens ist und wie viel Vorsicht bei diesem Thema geboten ist.

Timon Jakli studiert Germanistik und Geschichte in Wien

Veröffentlicht in PROGRESS 4/08

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*