Aufsatz: Die Verfolgung von ZeugInnen Jehovas aus Mariahilf zwischen 1938 und 1945

Im Zuge des Projektes „Erinnern für die Zukunft“ im 6. Wiener Gemeindebezirk entstand im Jahr 2009 ein Band, der einige Ergebnisse des Projektes vorstellt. Darunter auch ein Aufsatz von Monika Simmer und mir, der sich der Verfolgungsgeschichte der ZeugInnen Jehovas aus dem 6. Bezirk widmet.

Erinnern für die Zukunft

Das Buch kann bei Amazon bezogen werden bzw. kann der Text des Aufsatzes hier abgerufen werden.

Jehovas Zeugen im KZ Mauthausen

Nicht mehr ganz druckfrisch, aber immer noch gut….vor ca. 2 Jahren haben Heide Gsell und ich einen kleinen Begleitband zur Ausstellung Jehovas Zeugen in Mauthausen – Widerstand aus religiöser öœberzeugung, die von 7.-24. Mai 2009 in der Gedenkstätte Mauthausen zu sehen war, geschrieben:

Jehovas Zeugen im KZ Mauthausen - Widerstand aus religiöser öœberzeugung

Das Büchlein liefert neue Forschungsergebnisse über die Gruppe der Zeugen Jehovas im KZ Mauthausen, ihre Sozialstruktur und ihre Lebensbedingungen. Auch die zahlenmäßige Zusammensetzung konnte erstmals genauer erhoben werden. Fallbeispiele und eine umfangreiche Bibliographie runden das Bild ab.

Der Band kann entweder direkt bei mir oder unter office@lilawinkel.at zum Preis von 5 Euro bezogen werden.

Entweder alles oder gar nichts ! – Neuer Aufsatz im DÖW Jahrbuch 2011

Ein Aufsatz von Heidi Gsell und mir ist im neuen DÖW-Jahrbuch 2011 erschienen. Unter dem Titel „Entweder alles oder nichts!“ Biographische Texte von ZeugInnen Jehovas am Beispiel des Wehrdienstverweigerers Richard Heide werden neue, bisher nicht erforschte Aspekte der Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas im 3. Reich aufgearbeitet. Neben einem einführenden Teil über biographische und autobiographische Erzählungen von verfolgten ZeugInnen bietet die Biographie des Wehrdienstverweigerers Richard Heide und eine Untersuchung eines autobiographischen Textes interessante Einsichten in die Konstruktion von Vergangenheit und Identität bei verfolgten ZeugInnen Jehovas.

DÖW Jahrbuch 2011

Mehr Infos und Bezugsmöglichkeit unter: http://www.doew.at/publikationen/jahrbuch/jb11/inhalt.html

Der Text kann auf Anfrage hier heruntergeladen werden.

Gott, der Kapitalist

Der alte Papst ist von uns gegangen, schon ist ein neuer Herr über die Christenheit gewählt. öœber Kontinuitäten, Theologen und Antikommunisten schreibt Timon Jakli

Nichtsahnend rufe ich an einem Dienstagabend die Internetseite des STANDARD auf, da springt mir in geschmackvoll-grellrosaner Schrift „Habemus Papam“ entgegen, daneben eine süßlich-stilisierte Sixtinische Kapelle aus der rosa Rauch aufsteigt. Wir haben also einen neuen Papst.

Wohl selten zuvor wurde ein Papstwechsel medial so inszeniert wie der Tod Karol Wojitylas und die darauf folgende Wahl Joseph Ratzingers zum Papst. Theologisch und politisch griff Mann allerdings auf Altbewährtes zurück.

Der „Grundirrtum des Sozialismus“

Theologisch zeichnete sich das Pontifikat Wojitylas (geb. 1920 in Polen; Papst seit 1978) durch radikal konservative Theologie aus (man/frau denke an seine Ablehnung von Geburtenkontrolle, Abtreibung, etc.). Seine politische Brisanz erhielt es durch den passionierten Antikommunismus Wojitylas, der sich in die Reihe der Päpste als Bekämpfer des Marxismus stellte. Bekannt ist seine tragende Rolle bei der Gründung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc und die aktive Unterstützung antikommunistischer Aktivitäten in Polen.

Nach dem Fall des Kommunismus zog Wojityla Bilanz über Kapitalismus, Kommunismus und Arbeiterfrage. In Anlehnung an die Enzyklika Rerum Novarum von Leo XII. (der 1887 den Katholiken verbot die Sozialisten zu wählen[i]) veröffentlichte Johannes Paul II. im Jahr 1991 die Enzyklika Centesimus Annus. Die Enzyklika nimmt die Arbeiterfrage zur Kenntnis, eignet sich dabei marxsche Terminologie an, um gleich darauf mit der „Marxistischen Ideologie“ abzurechnen.

Die Argumentation setzt an, indem sie die „Würde der Arbeit“ postuliert, ihre Notwendigkeit und Unverletzbarkeit, als Bedingung dafür aber sofort zum zentralen Punkt fortschreitet: zum „Recht auf Privateigentum“, dem zentrale Bedeutung für das menschliche Glück zugemessen wird. Es wird festgestellt, dass „der Grundirrtum des Sozialismus anthropologischer Natur ist. Er betrachtet den einzelnen Menschen lediglich als ein Instrument und Molekül des gesellschaftlichen Organismus, so daß das Wohl des einzelnen dem Ablauf des wirtschaftlich-gesellschaftlichen Mechanismus völlig untergeordnet wird“.[ii] Der Grund dafür liegt im Atheismus, der keine Würdigung des Individuums zulasse. Auf dieser Basis wird auch rasch noch die von Marx analysierte Entfremdung widerlegt, die es so nicht gebe, sondern die vielmehr eine Entfremdung von Gott sei.

Kapitalismus macht selig

Der Klassenkampf achte die Menschenwürde nicht, da er „nicht mehr das Gesamtwohl der Gesellschaft, vielmehr ausschließlich das Sonderinteresse einer Gruppe im Auge hat“. Was folgt ist ein Bekenntnis zum freien Markt, da gerade der Aufbau von demokratischen Gesellschaften unter marktwirtschaftlichen Prinzipien dem Kommunismus sein revolutionäres Potential entziehe. Denn, so der Papst, „in der westlichen Gesellschaft wurde die Ausbeutung wenigstens in den von Karl Marx analysierten und beschriebenen Formen überwunden.“

Auf Basis der katholischen Soziallehre wird dann ein umfassendes Bekenntnis zum Kapitalismus abgelegt: „Wird mit »Kapitalismus« ein Wirtschaftssystem bezeichnet, das die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums und der daraus folgenden Verantwortung für die Produktionsmittel, der freien Kreativität des Menschen im Bereich der Wirtschaft anerkennt, ist die Antwort sicher positiv.“

Natürlich habe dieser auch Schattenseiten, dagegen hält der Papst die katholische Soziallehre, wobei freudig zur Kenntnis genommen wird, dass sich auch weite Teile der Arbeiterbewegung weg vom Klassenkampf hin zu einer sozialreformerischen Bewegung entwickelt haben.

Historisch neu ist, das eindeutige Bekenntnis eines Papstes zu einem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Man/frau bedenke, dass nach katholischer Theologie der Papst in Glaubensdingen unfehlbar ist, diese Enzyklika also nicht des Papstes Worte allein sind, sondern die Worte Gottes persönlich – Gott ist also Kapitalist.

Kontinuitäten

Nun ist Joseph Ratzinger Papst – bleibt alles anders ? Die Wahl Ratzingers ist wohl ein offenes Bekenntnis zu Fortsetzung der Politik Johannes Paul II. Die meisten wählenden Kardinäle waren von Wojityla eingesetzt worden und auf Kurs getrimmt. Ratzinger, der seit 1981 die Inquisition, pardon Kongregation für Glaubenslehre, leitete war bis zu seiner Wahl als Chefideologe des Papstes tätig, die Gedanken von Centesimus Annus gehen wohl auch auf ihn zurück. Ratzinger und Wojityla waren sich in der Ablehnung marxistischen Gedankenguts immer einig. Beide bekämpften Befreiungstheologen in Lateinamerika, die Evangelium und soziale Revolution verknüpfen wollten. So bezeichnete Ratzinger 1984 den Kommunismus als „Schande unserer Zeit“[iii], welche die Menschen versklaven würde. Auch theologisch gilt Ratzinger, der beim 2. vatikanischen Konzil noch zu den Reformern (!) zählte, als radikal konservativ und zentralistisch, der katholische Männerclub hat sich also für eine Fortsetzung des Altbewährten entschieden.

Viel Fortschritt mag man/frau von einem Amt, das „die versteinerte Ideologie des Mittelalters repräsentiert“[iv] auch nicht erwarten, oder wie Marx es formulierte: „Die Hypotheke, welche der Bauer auf die himmlischen Güter besitzt, garantiert die Hypotheke, welche der Bourgeois auf die Bauerngüter besitzt.“[v]

[i] Vgl. MEW 36, S. 622.

[ii] http://www.vatican.va/edocs/DEU0071/_INDEX.HTM – dort der Volltext der Enzyklika, aus dem nachfolgende Zitate entnommen sind.

[iii] Zit. nach L’Espresso, 28.04.2005.

[iv] MEW 4, S. 496.

[v] MEW 7, S. 56.

(veröffentlicht in UNITAT 2/05)

Diskussionsstoff

Einen Beitrag zum Diskurs um das Schweigen des Papstes während des Holocaust leistet der amerikanische Historiker Josö© Sanchez mit seiner Analyse Pius XII und der Holocaust. Anatomie einer Debatte (€ 14.30, Schöningh Verlag). Sanchez grenzt unter Einbeziehung zahlreicher Primärquellen die wichtigsten Problemfelder des Themas ab und liefert gleichzeitig einen kritischen öœberblick über bestehende Sekundärliteratur, wobei er Pius als zwischen seinen Funktionen als Diplomat und Kirchenoberhaupt sowie als moralische Instanz zerrissen sieht. Nicht nur, dass Sanchez formal sehr gründlich vorgeht (verwiesen sei hier auf die gute Bibliographie), was den spezifischen Wert seiner Analyse ausmacht. jakli

Copyright 2003 by Timon Jakli,
Veröffentlicht im STANDARD vom 08.11.2003