Happy conferencing: Tagung der GGGS in Athen

Anfang Dezember war ich am ersten Kongress der Griechischen Gesellschaft für germanistische Studien in Athen. Unter dem Titel Turns und kein Ende: Aktuelle Tendenzen in Germanistik und Komparatistik war ein buntes Sammelsurium an Vorträgen versammelt. Darunter auch mein eigener mit dem Thema Keimzellen: „Volk“, „Nationalgeist“ und „Nation“ um 1770.

Happy conferencing in Athen

Happy conferencing in Athen

Abgesehen davon, dass mich mit Athen eine manifeste Hassliebe verbindet, war es schon schön in meiner zweiten Heimat an der Uni einen Vortrag zu halten.

Das ?????????? ?????? in Athen.

Das ?????????? ?????? in Athen.

Tagungsort war das ?????????? ?????? in Athen, direkt in der Nähe der Universität. Ziemlich erschreckend für mich war, dass sich rund um die Uni und das Zentrum die Heroinszene der Stadt angesiedelt hat.

Ein Ausflug in den Spritzenwald....

Ein Ausflug in den Spritzenwald….

Man musste zum Tagungsort also mitunter in Schlangenlinien durch herumsitzende Süchtige gehen, die sich gerade einen Schuss setzen – gern auch mal mit freundlicher Unterstütztung des lokalen Dealers. Erschreckend und ein ernüchterndes Bild für den Zustand dieses schönen Landes… 🙁

Griechenlandkrise

Die Wirtschaftskrise schlägt in Griechenland hohe Wellen, und das leider nicht nur im türkisfarbenen Meer. Vielleicht hat aber auch der eher entspannte Zugang zum Thema Geld und Wirtschaft, den viele Griechen teilen, damit zu tun. Dazu zwei Anekdoten:

Vor längerer Zeit musste ich zum griechischen Konsulat in Wien, um eine Vollmacht beglaubigen zu lassen. Abgesehen vom herben 70er Jahre Charme des Warteraums zeichnet sich der griechische Behördenapparat durch eine unglaubliche Gier nach Stempeln und Unterschriften aus (man ist an Österreich in seinen besseren Zeiten erinnert). Nach der erfolgreichen Beglaubigung meiner Unterschrift bitte ich (in bestem Griechisch) um eine Rechnung. Die Reaktion ? Ein ungläubiger Blick des Beamten und nochmalige Nachfrage. Ich bestehe darauf, brauche die Rechnung für eine Kostenerstattung.

Der Mann zieht sich zur Beratung mit seinem Vorgesetzten zurück. Das Ergebnis war folgende „Rechnung“:

Rechnung auf griechisch

Rechnung auf griechisch

Ein anderes Beispiel: Im Jahr 2011 besuchte ich meine Lieblingsstadt Thessaloniki und war zum Essen in einer wunderbaren Ouzerie. Dort verbrachte ich einen schönen Abend und bezahlte mit Kreditkarte.

Ein Jahr später sehe ich eine seltsame Buchung auf meiner Kartenabrechnung:

Kreditkartenbuchung auf griechisch

Kreditkartenbuchung auf griechisch

Da hat offenbar jemand von der Zahlung bis zur Verrechnung ein geschlagenes Jahr gebraucht…in diesem Sinne wundert mich schon lange kaum mehr etwas.

Ein Stückchen Heimat

Bei Studierenden aus dem Ausland stellt sich schon mal die Sehnsucht nach der eigenen Sprache und Kultur ein. Eine Möglichkeit, sich ein Stückchen Heimat in der Fremde zu bewahren ist der Kontakt zu nationalen Studierendenvereinen.

Wo gibt es ein richtig schönes Vappu-Fest? In welchem Lokal kann man Syrtaki tanzen und wo kann man in Wien ein ganzes Osterlamm grillen? Welche Musik ist in Luxemburg gerade richtig angesagt? Fragen, die durchschnittliche österreichische StudentInnen weniger beschäftigen, können für KollegInnen aus dem Ausland durchaus bedeutsam sein. Denn von den ca. 260 000 StudentInnen in ö–sterreich kommen etwa 50 000 aus dem Ausland, 90% davon aus Europa. Einige hundert Kilometer von Zuhause entfernt stellt sich mitunter schon Heimweh ein. Dem können nationale Studierendenvereine, die auch in der „Fremde“ eine Plattform für Kultur und Sprache des Heimatlandes bieten, abhelfen.

Ein Beispiel für solch einen Verein ist SEFEV (Verein griechischer Studenten und Akademiker Wiens). Als in Griechenland 1967 das Militär die Macht ergriff änderte sich dort auch für junge Menschen viel: Wer politisch nicht opportun war, wurde vom Zugang zu Universitäten ausgeschlossen oder gar verfolgt. Deshalb gingen Anfang der 1970er Jahre viele junge GriechInnen ins Ausland, um studieren zu können. Damals war Wien eines der beliebtesten Studienziele und es bildete sich eine lebhafte griechische Community. 1969 wurde schließlich der Verein SEFEV gegründet, um Studierenden und AkademikerInnen eine Plattform zum Austausch zu bieten – aber auch um die oft als großen Verlust empfundene Distanz zur Heimat zu überbrücken.

Vielfalt kennzeichnet die Vereinslandschaft für internationale Studierende heute. Zu den ältesten Vereinen zählt neben SEFEV der 1975 von Luxemburgischen Studierenden gegründete „Letzebuerger Studentenclub Wien“ und der 1978 gegründete finnische Verein WIESO. Auch in Linz, Graz und Innsbruck gibt es ähnliche Vereine. Der Austausch von Studierenden gleicher Herkunft findet auch über Mailinglisten statt, oder in Einrichtungen wie dem Afro-Asiatischen-Institut Wien.

Die Aktivitäten der Vereine sind äußerst vielfältig. Wie Niki Papadopoulou von SEFEV sagt, versucht ihr Verein „ein Netzwerk für Griechen zu bilden, die nach ö–sterreich kommen um zu studieren“. Geboten wird den Mitgliedern von Tipps zum Studium, über ein schwarzes Brett und Fahrgemeinschaften bis hin zu Partys und landesüblichen Festen so einiges. Serge Reuter vom Letzebuerger Studentenclub erklärt: „Viele Aktivitäten sind traditionell und werden jedes Jahr um etwa die gleiche Zeit organisiert, zum Beispiel die Studententaufe der Erstsemestrigen oder im Mai unser Sau-Fest auf der Donauinsel bei dem wir einen Grillplatz mieten und den ganzen Tag zusammen dort verbringen. Dazwischen gibt es dann immer wieder kleinere Aktivitäten.“ Die Vereine bieten auch Infos, die von anderen Vereinen oder den offiziellen Vertretungen der Heimatländer bereit gestellt werden.

Die Motivation sich mit KollegInnen aus der Heimat zu treffen hat nichts mit plumpem Nationalismus zu tun. Wie Serge betont, finden es viele StudentInnen „trotz der gewollten oder ungewollten Distanz zum Leben in Luxemburg, es in gewissen Sinne schön, ein Stück Heimat, und sei es nur, dass jemand mit ihnen Luxemburgisch sprechen kann, bei sich zu haben und sich dann trotz allem nicht so verloren zu fühlen.“ Niki, die binational aufgewachsen ist, beschreibt: „Für mein inneres Gleichgewicht meiner beiden Identitäten ist es wichtig, dass die österreichische Seite nicht überdimensional wird. Mit meiner Vereinstätigkeit kann ich meine griechische Identität ausleben und schauen, dass ich die griechische Sprache wenigstens ein bißchen pflege.“ Natürlich gibt es auch KollegInnen, die nicht das Bedürfnis haben sich im Ausland intensiver mit ihrer Heimat zu beschäftigen. Da reichen dann einfach Email und ein paar Freunde, mit denen man sich trifft. Denn letztlich kann man sich, wie Serge betont “ dann doch nie komplett von der Heimat lösen.“

Timon Jakli studiert Germanistik in Wien

Weblinks:
http://www.sefev.at
http://www.lsw.lu
http://www.finland.at/
http://www.aai-wien.at

Veröffentlicht in PROGRESS 2/08, S. 11

Studieren im Land der PhilosophInnen

In der Heimat von Platon und Aristoteles sei die Wissenschaft besonders gern zu Hause – würde man meinen. Doch nicht alle GriechInnen sind PhilosophInnen, nicht jeder Tanz ein Syrtaki und Studieren in Griechenland heißt nicht zuletzt mit einer Menge Problemen fertig werden.

Studieren im Land der PhilosophInnen

Beim Schlagwort Griechenland kommen den meisten wahrscheinlich Tavernen mit blauen Stühlen, Syrtaki und Sonne in den Sinn, nicht jedoch dass das Nationaleinkommen das zweitniedrigste der „alten“ EU-Länder ist, die Arbeitslosenquote bei 10% liegt. Die Verfassung schreibt vor, dass Bildung kostenlos ist – weshalb es in Griechenland weder Studiengebühren gibt, noch private Schulen und Universitäten erlaubt sind. Dies wird von der regierenden neoliberalen Nea Dimokratia mehr und mehr unterwandert, was zu heftigen StudentInnenprotesten in den letzten Monaten führte. Das „Ministerium für Bildung und religiöse Angelegenheiten“ verwaltet 22 Universitäten, an denen 360 000 StudentInnen studieren, weitere 210 000 besuchen eine der 14 TEI (entspr. Fachhochschulen).

Die Grundlage vieler Probleme wird bereits in den Mittelschulen gelegt. Bis 15 besuchen die Kinder eine zweistufige Gesamtschule. Danach kann entweder ein Lykeio (entspr. Gymnasium) oder ein TEE (entspr. Fachschule/HTL) besucht werden. Sissy, die in Thessaloniki studiert, erklärt: „Die Schule vermittelt nicht alles, was die Schüler brauche, um zu studieren, es werden nur sehr basale Kenntnisse vermittelt.“ Daher nehmen die meisten SchülerInnen Nachhilfe. Die Kosten dafür (etwa 2000-3000 Euro pro Kind und Jahr) sind eine enorme Belastung für sozial schwächere Familien. „Viele haben Schwierigkeiten das Geld aufzubringen, zahlen aber trotzdem, weil sie hoffen, dass das Kind die Universität besuchen kann“, erklärt Sissy.

Der Sprung an die Uni wird durch einen strengen numerus clausus gebremst. In landesweiten Examen werden die SchülerInnen gereiht. Gleichzeitig müssen sie bereits hier Studienrichtung und Universität wählen. Für einen Studienplatz sind gute Leistungen im Examen und beim Schulabschluss im jeweiligen Fach erforderlich. Schafft man das Examen nicht, gibt es die Möglichkeit diese zu wiederholen oder durch einen guten Fachabschluss einen Platz an einem TEI zu bekommen. Aufgrund dieser harten Auswahlbedingungen investieren viele Familien hohe Summen in Nachhilfe, in der Hoffnung den Kindern sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Die scheinbare Gleichheit im Auswahlverfahren wirkt jedoch genau entgegengesetzt, wie Pierre Bourdieu analysiert: „Indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten wie Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprünglichen Ungleichheiten gegenüber der Kultur.“ Kosmas, der in Athen studiert, konkretisiert: „Da wirklich alle Nachhilfe nehmen müssen, sind die gut Verdienenden natürlich im Vorteil.“

Das studentische Leben ist einerseits von Prekärität geprägt. Ein Studienbeihilfenwesen wie in ö–sterreich gibt es nicht, viele StudentInnen müssen sich Geld dazuverdienen, meist ohne Anmeldung und soziale Absicherung. Andererseits werden an griechischen Unis Lehrbücher kostenlos zur Verfügung gestellt, auch Mensa und Museen sind frei. Die meisten Lehrveranstaltungen haben Vorlesungscharakter, Seminare und Seminararbeiten sind eher die Ausnahme. Neben Souvlaki und Nescafö© Frappö© gehört auch die lebendige studentische Protestkultur traditionell zum griechischen StudentInnenleben dazu.

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien und Konstanz

Weblinks: http://www.ypepth.gr

Veröffentlicht in PROGRESS 01/07, S. 11