Die Macht des geschriebenen Wortes

Seit es Vorlesungen gibt, ist sie ständige Begleiterin des StudentInnenalltags: Die Mitschrift. In Zeiten von Laptop und Computer hat sich die Form von Mitschriften und ihres Austausches geändert, was sowohl Chancen als auch Probleme mit sich bringt.

Die Mitschrift hat eine lange Tradition. Hätte Platon nicht die Dialoge seines Lehrers Sokrates niedergeschrieben, wären die Vorlesungen Ferdinand de Saussures nicht postum von seinen Schülern veröffentlicht worden oder gäbe es nicht emsige Mitschriften von Vorlesungen Hegels und Heideggers würde die Philosophie und Geistesgeschichte vielleicht ganz anders aussehen.
Auch im heutigen Unialltag ist die Mitschrift allgegenwärtig: In Hörsälen schreiben StudentInnen Blöcke voll, andere sitzen gleich mit dem Laptop in der Vorlesung. öœber Emailverteiler werden Folien verschickt, oft werden Mitschriften online gestellt oder per Mail einfach weitergeleitet. In Onlineforen tauschen StudentInnen Mitschriften oder teilen sich die Schreibarbeit auf. Manche holen so Lehrveranstaltungen nach, die sie nicht besuchen konnten, andere vergleichen oder ergänzen die eigene Mitschrift oder nutzen Skripten als Lernbehelf. Die Formvielfalt moderner Mitschriften wirft aber auch so manches Problem auf.

Wenn der Anwalt klopft

Angesichts rechtlicher Probleme kommt bei manchen StudentInnen plötzlich Ernüchterung über Skriptentausch im Netz auf. So erzählt Alexandra: „Ich wurde von einer Onlineplattform angesprochen, ob ich meine Zusammenfassungen von Büchern nicht auch online zur Verfügung stellen könnte. Zwei wurden dort veröffentlicht, mit einer gab es Probleme, weil ein Institut der WU mit einer Urheberrechtsklage drohte.“ Für die Studentin ging dieser Fall glimpflich aus – sie war anonym unterwegs, die Onlineplattform musste jedoch eine Strafe bezahlen.
Nicht nur Bücher, auch der Inhalt von Vorlesungen selbst unterliegt rechtlichen Bestimmungen, wie ö–H-Juristin Regina Groiß ausführt: „Vorlesungen sind Sprachwerke im Sinne des Urheberrechtsgesetz. Die damit verbundenen Rechte stehen daher dem oder der Vortragenden zu. Eine Mitschrift zum persönlichen Gebrauch ist zulässig, für jede Art der Veröffentlichung, Verbreitung etc. ist die Zustimmung des oder der Vortragenden erforderlich, ebenso für Tonaufzeichnungen.“ Bei einer Verletzung dieser Rechte kann auf Unterlassung bis hin zu Schadenersatz geklagt werden. Eine Nachfrage bei dem/der Lehrenden macht also durchaus Sinn.

Sinn und Unsinn

öœber die Sinnhaftigkeit von Mitschriften gehen die Meinungen teils stark auseinander. Esther Ramharter, Philosophin an der Uni Wien, beschreibt ihre Vorlesung als „intimen Akt zwischen den Studierenden und dem/der Vortragenden.“ Daher hat sie nichts gegen den Austausch guter Mitschriften, sehr wohl jedoch gegen Tonaufnahmen – da fragmentarisches Hineinhören „Dinge, die nur vorläufig sind, dann für absolut und endgültig“ erscheinen lassen könne. Darüber hinaus haben Skripten in den verschiedenen Studienrichtungen einen unterschiedlichen Stellenwert. Stefanos, der am Technikum Wien studiert, erzählt im Informatikbereich wären studentische Mitschriften kaum von Bedeutung, da die Lehrenden die relevanten Materialien zur Verfügung stellen.

Börse goes Community

Mitschriftenbörsen im Netz sind für die meisten StudentInnen wohl die wichtigste Quelle neben von Lehrenden selbst oder im Buchhandel vertriebenen Skripten. Joe Sulzenbacher von der Plattform UniHelp.cc führt aus: „Die Bedeutung von Onlineplattformen ist zunehmend, speziell in überlaufenen Studienrichtungen sind Lernhilfen für den Studienerfolg sehr förderlich. Dennoch sind sie kein Ersatz für den Lehr- und Lernbetrieb der Uni, aber eine sinnvolle Ergänzung und erleichtern den Austausch Studierender untereinander.“ Dabei geht die Entwicklung immer mehr in Richtung „interuniversitäre Communities“, deren Angebot von Nachrichten über Foren bis hin zu Skripten geht, wie Gerald Schober von UniHelp.cc erklärt. Wie es scheint sind also die Vorlesung und ihre Mitschrift noch lange kein toter Hund, sondern auf dem Weg ins 21. Jahrhundert.

Timon Jakli studiert Germanistik und Soziologie in Wien und Konstanz

Weblinks
www.skripten.at
www.med-skripten.net
www.unihelp.cc

Veröffentlicht in Progress 3/07

Timon
Timon
Spracharbeiter. Kommunikator. Sprecher. Trainer. Historiker. Leidenschaftlicher Koch. Foodie.

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