Vizille, Ständeversammlung 1788

Die Reformen des ancien rö©gime Ende der 80er Jahre stießen auf heftigen Widerstand seitens des provinziellen Adels. Die Ohnmacht gegenüber der Finanzkrise des Staates und die Gerichtsreform, die darauf abzielte, die parlements zu entmachten, evozierten teils gewaltsame Reaktionen.

Als Reaktion auf die Edikte vom Mai 1788, in denen die Auflösung der Parlamente beschlossen wurde, kam es am 7. Juni 1788 zu einer Revolte in Grenoble (in der Provinz Dauphinö©, im Südosten Frankreichs). Die Bevölkerung bewarf Truppen, die zur Kontrolle der Lage eingeschaltet wurden, mit Ziegelsteinen (daher „journö©e des tuiles“). Der Abzug der Richter konnte trotzdem nicht verhindert werden.

Bei der am 14. Juni 1788 in Grenoble abgehaltenen Versammlung kam es zu einer revolutionären Entwicklung: „die Bourgeoisie setzte sich an die Spitze der Bewegung“ (SOBOUL 1988: S 84).

Auf Antrag Mouniers wurde die Wiederherstellung der parlements, die Einberufung der Provinzialstände der Dauphinö© (mit Abstimmung nach Köpfen und Verdoppelung des 3. Standes), sowie die Einberufung der Generalstände verlangt.

Am 21. Juli trat schließlich die Provinzialversammlung auf einem Schloss in Vizille nahe Grenoble zusammen (50 Geistliche, 165 Adelige, 276 Abg. 3. Stand) . Sie stellte im wesentlichen „eine Vorform der Generalstände von 1789 in provinziellem Maßstab“ dar (SOBOUL 1988: S 84). Verlangt wurde eine Ratifizierung der Beschlüsse von Grenoble: Wiederherstellung der parlements, Einberufung der Provinzialstände und der Generalstände (um „gegen den Despotismus der Minister anzukämpfen“; SOBOUL 1988: S 84), Verdoppelung des 3. Standes sowie Abstimmung nach Köpfen. Mehr noch wurde eine Vereinigung der Provinzen im Geiste nationaler Gesinnung gefordert.

Zwar fanden diese Beschlüsse keinen Wiederhall in anderen Provinzen, erregten aber großes Aufsehen in ganz Frankreich.

Am 5. September 1788 wurde in der Versammlung von Romans ein Entwurf für eine Provinzialverfassung erarbeitet. Am 1. Dezember wurden die ersten Provinzialstände seit 160 Jahren einberufen.

Die Beschlüsse von Vizille sowie die neue revolutionäre Rolle des dritten Standes bildeten einen wichtigen Ausgangspunkt der gesamten revolutionären Entwicklung, da es die „first clear articulation of the ideas around which the Third Estate crystallized in the Estates General“ war (SCOTT et al. 1985: S 292).

Quellen:

SOBOUL, Albert: Die große Französische Revolution. 5. durchges. Auflage. Frankfurt/Main: Athenäum, 1988. S 82-86

SCOTT, Samuel F. u. ROTHAUS, Barry (Hg.): Historical Dictionary of the French Revolution. 1789-1799. Westport: Greenwood Press, 1985. Bd. 1 A-K. S 290-292

Timon
Timon
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